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Sonntag, 31. Juli 2022

In der Hängematte mit Carl Spitzweg

Diesmal hat es ein anderer Herr in meine Hängematte geschafft, dessen Bild >>"Der arme Poet" vermutlich jeder kennt. Der arme Poet ist genauso deutsches Kulturgut wie das Heidenröslein oder "Hoch auf dem gelben Wagen". Vielleicht ist ja auch diese künstlerisch-romantisierte Idealvorstellung von unverdrossener Armut mit der Grund, daß die Deutschen darauf hinarbeiten, solche "romantischen" Zustände mit kalten Öfen und maroden Wohnkammern wiederherzustellen. Mich persönlich interessieren aber ganz andere Bilder und Facetten von Spitzweg, alleine schon deshalb, weil ich mich außer zum Schlafen nicht gerne im Bett aufhalte. Nicht einmal zum Frühstücken empfinde ich das Bett als einen guten Ort. Die Vorstellung, im Bett liegend irgendeiner Art von künstlerischer Tätigkeit nachzugehen, entspricht in keinster Weise einer geheimen Lebensvorstellung von mir, und alleine beim Gedanken daran, fühlt sich mein Körper um das Zehnfache gealtert an. Sehr viel erhebender finde ich da seine Städte, die er ähnlich wie ich gerne erbaute, dies aber mit geradezu traumhafter Perfektion. Deshalb gehören diese Bilder von ihm auch zu meinen persönlichen Favoriten aus seinem Werk. Aber seine >>"Geologen" finde ich ebenfalls sehr hübsch.

Lisa Schirmer schreibt im Bildband >>"Carl Spitzweg" über seine künstlerische Eigenart:

"Gibt es doch Maler, die bei strengem Gebundensein an den optischen Eindruck zu kühnen, "abstrakt" anmutenden Formulierungen gelangen, und andere, die frei erfundene Vorstellungen malend in gesehene Wirklichkeit umzuwandeln vermögen. Zu den letztgenannten gehört Carl Spitzweg, ja, vielleicht steht dieser Maler durch die besondere Art, in der er Ausgedachtes und Gesehenes verband, in der Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts ohne Vergleich da. Die Suggestion des Tatsächlichen ist in seinen Bildern ebenso stark wie die Offensichtlichkeit der Erfindung, und doch kommt der Betrachter nicht auf den Gedanken, das eine vom anderen zu trennen. 

Diese besondere Wirkung hängt zweifellos damit zusammen, daß der Maler seine Tätigkeit als etwas sehr Persönliches, Privates aufgefaßt hat. - Wie war er, als Mensch und als Künstler? Von seinem Aussehen vermittelt die Zeichnung, die im Jahr vor seinem Tode Eduard Grützner schuf, eine unmittelbare Vorstellung. Angesichts dieses glatzköpfigen Mannes mit den zahllosen Lachfältchen möchte man Fontanes Satz zitieren, den der große Romancier auf seinen Vater münzte: " Denn wie er zuletzt war, so war er eigentlich."...

...Wie er sich eines seiner Zimmer am Heumarkt als "stille Kammer" vorbehalten hatte, aus der dann, nach seinem Tode, die herrlichsten Bilder, Zeichnungen und Skizzen hervorgezogen wurden, so verblieben auch in seiner Person "Reservate". Doch verriete seine Kunst nicht auch etwas von seinen geheimen Wünschen, besäße sie nicht so eine ungewöhnliche Ausstrahlung...

...Die agierenden Gestalten posieren nicht vor dem Betrachter, sie erscheinen selbstvergessen und unbewußt. Völlig "unbeobachtet" bewegen sie sich innerhalb der bühnenartigen Kompositionen, so als hätten sie uneingeschränkte Handlungsfreiheit gegenüber dem großen Regisseur, der sie doch in Wirklichkeit an wohlbedachter Stelle und mit gezielter Absicht zum Leben erweckte. Dies "unbewußte" Element ist wohl für die außerordentliche Wirkung von Spitzwegs Kunst entscheidend, und es verrät, über kritische Beobachtung und Selbstironie hinaus, etwas von seinen stillen Idealen...

...Spitzweg dagegen schuf auch seine Landschaften aus der Vorstellung. So aufmerksam der Künstler immer wieder bestimmte optische Eindrücke aufnahm und sie mit zunehmend realistischer Auffassung gestaltete, so ließ er doch auf seinen Gemälden Gras und Kraut wachsen, wo er wollte, richtete leuchtende Berge auf oder schuf sich Einblicke in schattige Wälder. Man kann ihn also nicht vorwiegend als Vorläufer des deutschen Impressionismus werten...

...Mit dem persönlichen Wagnis seines Kunstwollens verband sich in solchem Ausgleich zwischen gedanklich bestimmten Sujet und malerisch freier, vom optisch-atmosphärischen Eindruck bedingter Ausführung der Mut, auch im Vollbringen eigene Wege zu gehen. Und es war wohl in der Tat die Fähigkeit, diesen an sich unvereinbaren Gegensatz durch eine ungewöhnliche malerische Intensität vergessen zu machen, die seinem Schaffen einen so großen "Resonanzboden" verlieh...."

Spitzweg "Ständchen im Mondschein""

Spitzweg "Kunst und Wissenschaft" Spitzweg "Der Briefbote im Rosenthal"

Spitzweg "Ein Hypochonder" Spitzweg "Der ewige Hochzeiter"

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