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Donnerstag, 18. Juli 2019

Achtung, Katzencontent!

Ich werde gerade soooo müde. Und eine Fußmassage könnte ich ebenfalls gebrauchen! Katze müßte man sein!
Irgendwie erinnert mich diese Katze an meine Kasimira. Nur mit dem Unterschied, daß meine ganz heiß darauf war, mit mir spazierenzugehen. Sie hat es sogar mitbekommen, wenn man nur an das Halsband dachte, war sofort da und so aufgeregt, als würde man ihr gerade eine Weihnachtsgans servieren wollen. Aber dafür mußte ich sie dann beim Nachobengehen genauso hinter mir her schleifen. Wir haben manchmal eine halbe Stunde für zwei Treppen gebraucht, weil sie sich auf jeder Treppenstufe demonstrativ hingelegt und ihre Abneigung gegen den Plan bekundet hat. Wenn sie dann doch eine Stufe höher stieg, ging das nur mit viel Geschimpfe ihrerseits vor sich.



Montag, 15. Juli 2019

Blut weinen

Manch einer wundert sich vielleicht, daß hier schön länger nichts Aktuelles mehr zu lesen ist. Das liegt einfach daran, daß diese erfrischenden Temperaturen sich perfekt anbieten, um vieles zu erledigen, das sonst beim Hitzechillen liegen bleibt. Und man hat natürlich auch viel mehr Lust auf anstrengendere Workouts.So hatte ich in den letzten zwei Wochen eine Yoga-Challenge für die Kraft, für welche ich jeden Tag geübt habe, dazu dann noch teilweise andere anstrengendere Übungen und getanzt habe ich natürlich auch. Am Mittwoch hatte ich mich mal wieder zum Zumba getraut, einfach um zu sehen, ob ich noch genug Ausdauer habe. Besonders viel Spaß hat es nicht gemacht, aber ein gutes Gewissen, und zu Hause übte ich noch bis nachts um halb zwölf eine eigene Choreo, danach hatte ich wieder bessere Laune. Doch mit einem Schlag war das alles vorbei. Als ich nämlich am Samstagmorgen aufwachte, merkte ich, daß mein eines Auge wie verrückt tränte - dachte ich. Ich hatte aber beim Aufwachen ebenso mitbekommen, daß ich irgendwie genau auf dem Auge gelegen hatte, wie ich es beim Schlafen häufiger mal mache, wenn ich mit dem Kopf auf dem Unterarm liege. Als ich aufstand und in den Spiegel schaute, kippte ich vor Schreck fast um, weil Blut aus dem Auge lief und alles um das Auge herum total blutverschmiert war. Das hat dann allerdings, als ich nicht mehr auf dem Auge lag, ganz schnell aufgehört, ich sah wie immer und das Auge wirkte ansonsten völlig normal, also ging ich meinem normalen Tagewerk nach. Dazu gehörte, daß ich das Badezimmer putzte und die Badewanne schrubbte. Als ich so länger über die Wanne gebeugt war, merkte ich, wie plötzlich wieder Flüssigkeit ins Auge schoß. Ich bin sofort hoch und sah, daß erneut Blut aus dem Auge lief. Ab da ließ ich alles stehen und bewegte mich nicht mehr. Sport war also auch nicht mehr drin. Da mich das dann doch beschäftigte, befragte ich mal Dr. Bing, aber da fand ich nur Blut weinende Madonnen und Horrorstories von einer seltenen Krankheit, bei der den Betroffenen regelmäßig Blut aus Augen, Ohren, Nase, Mund und Fingernägeln läuft. Ich also Bing gleich wieder zu gemacht. Ich dachte ja selbst immer, dieses Blut weinen ist nur eine besonders dramatische Metapher und geht gar nicht wirklich. Aber doch, es geht!

Heute schnitt ich mir über der Badewanne die Zehennägel - beim Zumba am Mittwoch hatte ich nagelneue, noch nie getragene Strümpfe an und nach dem Tanzen in beiden Strümpfen ein Loch, was sicher nicht an meinen Zehennägeln lag, sondern mehr an der Qualität der Strümpfe, doch schaden kann ein wenig Pediküre ja nie - und mir fiel erst hinterher auf, daß ich wieder länger nach unten gebeugt gewesen bin, aber nichts mehr passiert ist. Trotzdem bin ich etwas unsicher, zumal Zehennägel zu schneiden nun nicht so anstrengend ist, wie die Badewanne zu putzen, weshalb ich anstrengende Workouts erstmal weiterhin meide. Tanzen wollte ich ebenfalls nicht, habe es jedoch heute doch getan. Wenn ich nicht kann oder darf, werde ich immer um so heißer darauf. Ich nahm mir deshalb extra vor, nicht so viel mit dem Kopf zu bangen, was aber ziemlich vergebene Liebesmüh bei mir ist, lassen kann ich es dann doch nicht. Aber alles gut, nichts passiert. Ich hatte ja schon etwas Angst, daß ich bald wie Madonna mit einer Augenklappe herumlaufen muß. Immerhin habe ich ihr jetzt etwas voraus, denn ich glaube, dieses Blut weinen hatte sie noch nicht auf dem Plan, jedenfalls nicht sie selbst. Allerdings reicht mir die zweimalige Erfahrung, ich lege keinen gesteigerten Wert darauf, das zu wiederholen.

Sonntag, 14. Juli 2019

Mein Elternhaus - Wohnungen und Bewohner,Teil 3

Ganz oben unter dem Dach wohnte, wie bereits erwähnt, mein Hauptfreund M. mit seinen Eltern und ich beneidete ihn stets um das große Kinderzimmer, das er sein Eigen nannte. Es hatte sogar Teppichboden, eine Couch und einen Fernseher. Die Wohnung selbst war zwar viel kleiner, unsere dagegen doppelt so groß, aber die hundert Quadratmeter erstreckten sich bei uns hauptsächlich in einer riesigen Diele und einem gigantischen Durchgangszimmer und natürlich brauchte mein Vater jede Menge Platz, genauer gesagt, ein großes und ein kleines Zimmer, für seinen ganzen Krempel, den er aufhob. Für die Kinder blieben da nur noch eine Kammer und der Wintergarten. Als mein Bruder, der fünfzehn Jahre älter ist als ich, ungefähr mit 21 Jahren auszog, konnte ich endlich aus dem Wintergarten, der von allen Seiten durch Glas einsehbar war und außerdem nicht beheizt, da von der Wärme des Kachelofens im riesigen Wohnzimmer, auch wenn man die Tür offen stehen ließ, nicht mehr viel dort hinein kam, in ein richtiges Zimmer ziehen. Ich habe meine ganze Kindheit hindurch kein vernünftiges Bett besessen, bis auf das erste Gitterbettchen. Als ich dafür zu groß wurde, schlief ich auf einem uralten und brettharten Chaiselonge mit einem genauso hartem, und mir als Kind besonders hoch erscheinendem halbrundem Höcker als Kopfteil. Später übernahm ich das Klappbett von meinem Bruder. Blöd nur, dass es so durchgelegen war, dass ich mit dem A..... bis auf dem Boden hing. Ich habe mir dann heimlich aus unserer Rumpelkammer ein großes Brett, die mein Vater ebenfalls in Massen aufhob, mitgenommen und unter die Matratze gelegt. So habe ich ganz gut die nächsten Jahre in der "Waschschüssel", wie mein erster Freund es nannte, überstanden.

Immerhin hatte ich dafür in meinem Zimmer einen Luxus, den sonst keiner besaß, nicht einmal M., nämlich ein eigenes Waschbecken mit kaltem Wasser. Dieses hatte sich mein Bruder, der Klempner lernte, eigenhändig eingebaut, was kein großes Problem war, da ja die Wasserleitung des herrschaftlichen Bades durch die Wand führte. Und weil von meinem Zimmer aus unser Bad am anderen Ende der Wohnung lag, also ungefähr fünf Kilometer entfernt, war es dort sehr nützlich, wurde von mir aber auch gerne mißbraucht, um Plastikboote auf dem Wasser darin segeln zu lassen oder meine Pullerpuppe nachzufüllen.
Und noch etwas gefiel mir an dem Zimmer, nämlich die alte, breite Fensterbank, auf die man sich locker mit dem ganzen Körper draufsetzen konnte, und die hinter zwei Türen einen geräumigen kleinen Schrank verbarg.
Meine Katze schaffte es manchmal geschickt, eine Tür aufzuziehen, um sich dann im Schrank aus den Büchern, die ich darin aufbewahrte, ein Nest zu bauen, indem sie die Pappeinbände so mit ihren Krallen bearbeitete, dass nur noch kuschelige Fetzen übrig blieben.

Eine Wohnung fehlt noch und das ist die, welche zwischen der des Kantors und der von M. lag. Da werden die frühen Erinnerungen ganz blaß, aber ich glaube, dass dort anfangs eine alte Frau wohnte. Ich bin mir nicht sicher, vielleicht hat sie auch vor einem der erwähnten Mieter in einer anderen Wohnung gewohnt, aber es steht felsenfest, dass es eine alte Frau gegeben hat, denn ich kann mich entsinnen, dass meine Mutter mich einmal zu einem Besuch an ihr Bett mitnahm und ihr eine echte Apfelsine schenkte. Wahrscheinlich ist sie schon gestorben, als ich noch sehr klein war.
In dieser Wohnung jedenfalls lebte später eine alleinstehende und rundliche Pastorin. Mein Vater konnte sie nicht leiden und hat sich gerne, natürlich nur bei uns im Geheimen, über sie lustig gemacht, doch meiner Mutter hatte Frau G. in einer Zeit sehr geholfen, als sie ständig unter Panikattacken und Kreislaufproblemen litt und mein Vater im Krankenhaus lag, weil man erst eine Gelbsucht diagnostiziert hatte, aber dann feststellte, dass es doch nur ein Gallenstein war. Wenn meine Mutter wieder einmal von der U-Bahn in das Krankenhaus gefahren worden war, wartete ich manchmal nach der Schule bei Frau G., bis sie nach Hause kam, oder aber, wenn es Mama zu Hause schlecht ging, schickte sie mich zu ihr hoch und sie kam dann, und packte meiner Mutter kalte Eisbeutel auf die Stirn.

Als sie ausgezogen war, stand die Wohnung eine ganze Weile leer und sobald meine Eltern aus der Dienstwohnung ebenfalls ausziehen mussten, brachten sie mich, die ich inzwischen siebzehn Jahre alt war, in einem separaten Zimmer der Wohnung als Untermieterin unter, damit ich so bald wie möglich meine eigene Wohnung erhalte, denn in der DDR dauerte das normalerweise ein paar Jahre. Mein Vater bezahlte jeden Monat Fünfzig Mark für das Zimmer, genauso viel, wie später meine eigene richtige Wohnung kostete.
Um in die Küche und das Bad der Hauptwohnung zu gelangen, musste ich stets über den Hausflur, zum Kochen hatte ich eine kleine Elektrokochplatte im Zimmer und zu essen gab es alles, was sich ohne Kühlschrank ein paar Tage frisch hielt. Als einige Monate darauf die neue Pastorin in die Hauptwohnung einzog, musste ich mir mit ihr die Küche und das Bad teilen. Leider begann sie bald eine Liaison mit jemandem aus dem Kirchenrat und ich hatte das Gefühl, dass er mich bespitzelte. Ich bin mir immer noch ziemlich sicher, dass er ein inoffizieller Mitarbeiter war, wirklich weiß ich es aber nur von ihr, da sie nach der Wende wegen ihrer Stasiaktivitäten suspendiert wurde. Als ich das hörte, musste ich daran denken, wie sie mich, gleich zu Beginn, zum Abendessen eingeladen hatte und mir die ganze Zeit über erzählte, wie sie und ihr Vater vom DDR-Regime drangsaliert worden sind, mit Berufsverboten und was weiß ich. Nun ja, hätte mir vielleicht gleich komisch vorkommen sollen, dass sie das jemandem, den sie nicht kennt, so auf die Nase bindet.

Fortsetzung folgt

Samstag, 13. Juli 2019

Mein Elternhaus - Wohnungen und Bewohner, Teil 2

Nach einigen Jahren ist Frau Sch. in ein kleines, altersgerechtes Domizil umgezogen und die Wohnung über uns wurde für die Familie des neuen Pfarrers frei, der in unsere Gemeinde kam. Dieser war mir von Anfang an unsympathisch, was sich mit den Jahren noch steigerte und seinen krönenden Höhepunkt und Abschluß in dem Brief fand, den ich von ihm anlässlich meines Kirchenaustritts erhielt, worüber ich an anderer Stelle schon einmal berichtete. Man merkte mit der Zeit, dass er sehr ehrgeizig war, Ehrgeiz gepaart mit einer unangenehmen Härte und Kälte, und während ich mir damals noch dachte, ich bilde mir dieses nur ein, wurde letztendlich mein erster äußerer Eindruck durch sein Handeln und seine Äußerungen bestätigt. Trotzdem konnte er auch sehr charmant sein und aalglatt, überhaupt war es ein äußerst attraktiver Mann. So attraktiv und gutaussehend, dass man sich heimlich, bzw. mein Vater tat es auch offen, fragte, was er mit dieser Frau wollte, welche seine Ehefrau war. Jene gab das Musterbeispiel für etwas ab, was man gemeinhin in Berlin ein Bauerntrampel nennt. Unansehnlich, behäbig und immer irgendwie verhuscht und geduckt, mit dem Gebaren einer Dienstmagd, war sie jedoch von der ganzen Familie noch diejenige, die am freundlichsten und menschlichsten wirkte.
Die beiden Söhne, Zwillinge, kamen zumindest vom Aussehen her ganz nach ihrem Vater und es dauerte nicht lange, bis jeder festgestellt hatte, dass sie unausstehlich waren. Sie zogen im Alter von ca. 5 Jahren ein, also für unseren höfischen Spielkreis viel zu jung, nichtsdestotrotz versuchten wir anfangs, damit sie sich nicht ausgeschlossen fühlen, mit ihnen in Kontakt zu kommen und bei einigen Spielen zum Mitmachen einzuladen. Doch wir merkten bald, dass sie daran kein Interesse hatten, im Gegenteil, es schien ihnen viel mehr Spaß zu machen, unsere Spielrunden zu stören und sich mit einer großspurigen Dreistigkeit über unsere Einfälle lustig zu machen. Da sie immer zu zweit waren, fühlten sie sich anscheinend mächtig stark, mußten aber bald einsehen, dass wir, die wir zu dritt waren und außerdem viel älter und größer, uns von ihnen unseren Spaß nicht verderben lassen würden. Es endete damit, dass niemand mehr etwas mit ihnen zu tun haben wollte und sie weiterhin alleine spielten, nur S. der Bruder von Susi, der ungefähr im gleichen Alter war, schloß sich ihnen manchmal an, allerdings hatte man den Eindruck, dass sie ihn teilweise ganz schön fertig machten, jedenfalls kam er oft heulend angelaufen.
Auch meine Eltern hatten, nachdem der neue Pfarrer mit seiner Familie eingezogen war, keine Ruhe mehr, denn eine Etage über uns hatte man das große Durchgangszimmer, welches bei uns als Wohnzimmer diente, anscheinend zum Fußballzimmer umfunktioniert.

Darüber, im Dachgeschoss, wohnte Familie B., jedoch kann ich mich nur noch an die hagere, dunkelhaarige Frau und den schon jugendlichen, älteren Sohn erinnern, der immer in Parka und Sandalen herumlief und bereits die 10. Klasse, bzw. später seine Ausbildung absolvierte. Eines Tages schnappte ich, wahrscheinlich von meinen Eltern, das Gerücht auf, dass er schräg nach unten in das Badfenster des Kantors gespannt hätte, um dessen Frau beim Baden zu beobachten. Da ich nicht glaube, dass sich das jemand ausgedacht hat, wird es wohl so gewesen sein, und das Spannen war in diesem Haus wegen der Winkelform wirklich einfach, da man über Eck leicht in die Fenster auf der anderen Seite einsehen konnte. Im Vorderhaus hatten die Wohnungen viel weniger Zimmer und liefen parallel zur Straße, die im übrigen vor unendlichen Zeiten eine Spielstraße gewesen ist. Ich kann mich noch an Tage erinnern, als dort kaum ein Auto fuhr und ich mit meinem Bruder mitten auf der Straße Rollschuh gelaufen bin. Leider wurde schon ziemlich bald die Kleingartenanlage, die sich bis weit hinter die Kirche erstreckte, abgerissen, und danach Neubauten errichtet. Darauf war es dann vorbei mit der Spielstraße.

Im Paterre im Vorderhaus wohnte der Hausmeister, welcher gleichzeitig der Opa meines Spielfreundes M. war. Ganz früher hatten er und seine Frau einen schwarzen Pudel, der, wenn ich mich richtig entsinne, Hasso(?) hieß, aber schon bald gestorben ist. M. hielt sich tagsüber, wenn seine Eltern, die im Dachgeschoß des Vorderhauses wohnten, sich auf Arbeit befanden, immer unten bei seinen Großeltern auf. Zu dieser Wohnung gehörte nach hinten, auf den Hof raus, ein winziger (Vor)Garten, der liebevoll von der ganzen Familie gepflegt wurde und aus welchem wir manchmal Schnittlauch stibitzten, um darauf herumzukauen.

Die Wohnung über der des Hausmeisters und unsere Nachbarwohnung hatte stets der Kantor inne. In meiner Kindheit war das der Herr P., ein langer, schlaksiger, schwarzhaariger und immer gut gelaunter Mann mit einer dicken Brille, der irgendwie auf eine gewisse Art aristokratisch wirkte, ja, heute würde ich dazu fast tuntenhaft sagen, aber gerne Witze erzählte und Späße machte. Seine Frau sang in einem bekannten Rundfunkchor und da mein Zimmer direkt neben ihrem Bad lag, beide nur durch eine dünne, eingebaute Rabitzwand getrennt, hörte ich sie dort jeden Abend ihre Stimmübungen machen und wie eine Nachtigall trällern. Im übrigen war sie, genauso wie er, stets gut gelaunt und fröhlich, aber das hatte wohl nicht viel über ihre Ehe zu sagen, denn irgendwann ließen sie sich scheiden. Der Herr P. war auch der Leiter des Kirchenchores, zu dem ich wöchentlich ging, wobei der Begriff Kirchenchor für die paar Hansels ziemlich übertrieben wirkt. Und wenn ich nicht gerade in der Kirche vorsingen sollte, hat es mir großen Spaß gemacht. Generell fand ich die Nachmittage im Kirchenchor und bei der Christenlehre immer viel schöner, als die Pioniernachmittage in der Schule. Irgendwie war das alles familiärer ungezwungener, wahrscheinlich auch, weil nur wenige daran teilnahmen. In der Christenlehre spielten wir lustige Spiele (besonders gerne spielte ich eines, bei welchem man blind die Umrisse eines auf Pappe aufgedruckten Gegenstandes erfühlen und dann erraten musste, was es ist), bekamen Geschichten erzählt oder sangen Lieder. Zu Weihnachten stand in der Mitte des quadratischen Tisches, um den wir uns versammelten, jedes Jahr ein schönes Weihnachtsgesteck. Und ich hatte natürlich den riesigen Vorteil, dass ich nur im Haus eine Treppe höher steigen musste, um dort zu sein, genauso, wie ich in den Kindergarten nur durch das Hinunterlaufen einer Treppe gelangte. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum ich heute so eine Abneigung gegen lange Wege habe und immer zu faul bin, diese auf mich zu nehmen. Eben verwöhnt.

Aber zurück zu Herrn P. Ich kann mich an eine Begebenheit erinnern, als ich im Wohnzimmer an unserem alten verstimmten Klavier saß und vor mich hinklimperte. Ich konnte nie richtig Klavierspielen, hatte mir aber selbst beigebracht, durch Ablesen von Noten und einer mit Faserstift aufgemalten Markierung des C auf den Tasten, einzelne Lieder aus einem Kinderliederbuch mit zwei bis vier Fingern nachzuspielen und dazu zu singen. Dies tat ich wieder einmal mit voller Inbrunst und bei geöffnetem Fenster, als ich, nachdem ich geendet, ein lautes Klatschen hörte. Neugierig lief ich zum Fenster und da stand die Frau des Kantors, die gerade ihren Trabi auf dem Hof gewaschen hatte, und applaudierte zu mir hoch. Ein kleines bißchen war es mir ja peinlich, aber irgendwie überwog doch die Freude über diesen unverhofften Applaus. Der Herr P. hat übrigens später die Gemeinde verlassen und statt dessen im damals neuen Schauspielhaus Berlin Orgel gespielt. Danach ist ein Kantor gekommen, mit schmalzigen Kringellöckchen, Brille und mürrischem Gesicht, der irgendwie auf mich ebenfalls eher unsympathisch wirkte. Nun sang nebenan im Bad niemand mehr, aber dafür hörte ich ihn fast jeden Abend zusammen mit seiner Frau baden. Als ich den anderen Kindern dies erzählte, fanden sie das irre lustig und sagten das sofort ihren Eltern weiter.
Als ich irgendwann das Alter erreicht hatte, in welchem ich nicht mehr auf dem Hof spielte, sondern stattdessen Westradio, mit den neuesten Popsongs und Charts hörte (und nicht nur das - ich sang auch gerne mit), beschwerte er sich einmal bei meinem Vater, dass ich ständig JAZZ(!) höre. Nun ja, Jazz ist etwas völlig anderes und bis auf Swing nicht gerade mein Fall, aber ok, als Kantor soll man zum Glück nur Orgel spielen können.

Fortsetzung folgt

Freitag, 12. Juli 2019

Mein Elternhaus - Das Haus und die Nachbarn

(Irgendwie mußte ich heute an frühere Nachbarn aus meiner Kindheit denken und mir fielen die alten Einträge über mein Elternhaus wieder ein. Ich finde, die sind es wert, wieder hervorgeholt zu werden:)

Mein Elternhaus war ein großzügig geschnittener, vierstöckiger Altbau mit einem Vorderhaus und zwei Hinterhäusern. Ursprünglich befanden sich in dem Haus Etagenwohnungen mit zwei Bädern und zwei Eingängen, jeweils einer davon für die Dienstboten gedacht, die ihre kleine Schlafkammer gleich neben der Küche hatten. Da es zu meiner Zeit keine Dienstboten mehr gab, waren die Etagenwohnungen in zwei Wohnungen geteilt worden. Wir wohnten in einem Teil, der noch beide Eingänge hatte. Einen offiziellen und schönen mit einer großen Diele im Vorderhaus und einen "Dienstboteneingang" im Hinter-, bzw. Mittelhaus, über den man auf den Hof oder in das nächste Hinterhaus gelangte und welcher sich am Ende eines engen und dunklen Korridors befand, von welchem man Zutritt zur Küche, dem "Dienstbotenbadezimmer", das nun ein reguläres war, und zu der kleinen Schlafkammer hatte.

Im letzten Hinterhaus gab es nur eine einzige bewohnte Wohnung ganz oben unter dem Dach. Im Erdgeschoß lag dagegen der Kindergarten, in welchen ich gegangen bin, und dazwischen im zweiten und dritten Stock erstreckten sich große Gemeindesäle, wo solche Veranstaltungen wie Christenlehre, Konfirmandenunterricht, Weihnachtsfeiern, Bibelkreise und Kirchenchorsingen stattfanden.

In der einzigen Wohnung lebte ein älteres Ehepaar, von dem ich mich dunkel entsinnen kann, dass es neben dem Kindergartenspielplatz, auf welchem ich mit meinen Freunden auch dann spielte, wenn kein Kindergarten war, da meine Eltern einen Schlüssel vom Hausmeister bekommen hatten, auf einem Gelände, wo später nur noch eine große Baugrube prangte, einen kleinen Schrebergarten besaß. Diese Gärten wurden ziemlich früh alle platt gemacht und danach war dort gar nichts mehr, obwohl es immer so aussah, als ob etwas gebaut werden sollte. Die Baugrube war jedoch stets so voll Wasser, dass im Winter sämtliche Kinder der Umgebung auf ihr Schlittschuh liefen. Von den Gärten blieben nur die Brombeersträucher am Zaun, die wir im Sommer stets fleissig abernteten, was allerdings etwas mühselig war, da wir dazu unter dem Zaun durchkriechen mussten.

Ganz früher, als es die Gärten noch gab und ich sehr klein war, existierte außerdem in der Mauer, die den Kindergartenspielplatz nach einer Seite hin abschloß, ein Durchgang zu einem Kohlenhof. Wenn wir auf dem Spielplatz spielten, was eigentlich Sommers wie Winters ständig der Fall war, konnten wir regelmäßig den alten Mann beobachten, wie er mit einer leeren Kiepe dort hindurchging und mit ihr voll beladen mit Kohlen wieder zurückkehrte, sie mühselig auf dem Rücken tragend und nach oben schleppend. Irgendwann kam er nicht mehr. Danach wurde der Durchgang nie mehr genutzt. Von meine Eltern erfuhr ich durch die Gespräche bei Tisch, dass er einen Schlaganfall hatte und nun, völlig gelähmt, von seiner Frau in der Wohnung unter dem Dach gepflegt wurde. Die Frau war immer sehr nett zu uns Kindern, winkte oft von oben aus dem Fenster und warf uns dann Bonbons hinunter.

Die Wohnung unter unserer eigenen war die Küsterwohnung. In ihr lebte zuerst ein Herr H., welcher ziemlich korpulent war. Ich kann mich erinnern, dass mein Vater oft zu ihm in seinem Büro Plaudern ging und mich mitnahm. Ich bekam dann immer ein Solitaire-Spiel verpaßt, mit dem ich spielen sollte und es auch tat, ohne es zu können. Eines Tages klingelte es an unserer Tür und zu dieser Zeit hatte ich noch die Angewohnheit, schneller als meine Eltern dort zu sein und durch den Briefschlitz zu schmulen. Natürlich bekam das jeder, der vor der Tür stand mit, ebenso wie das, was ich sagte, aber dies war mir bis zu diesem Zeitpunkt nicht bewußt. Also schrie ich lauthals, als ich den Klingler identifiziert hatte: "Der dicke, fette Herr H.!".
Meinem Vater war das furchtbar peinlich und als er die Tür öffnete, fragte er gleich verlegen lachend, ob er das gehört habe. Die Antwort bekam ich nicht mehr mit, denn völlig bedröppelt von der plötzlichen Erkenntnis, dass Hr. H. das mitbekommen haben könnte, verkroch ich mich in meinem Kinderzimmer.

Und da fällt mir ein, dass vor dem Hr.H. noch jemand in der Wohnung gelebt haben muss, denn ich kann mich an ein schwarzhaariges Mädchen erinnern, welches mit mir zusammen in meinem allerersten Zimmer, der Dienstbotenschlafkammer, den Kachelofen mit Abziehbildern dekorierte, wenn man es denn so nennen will. Ich kann da allerhöchstens zwei bis drei Jahre alt gewesen sein, denn zu dieser Zeit passte ich noch vollständig mit Kopf und allen Gliedmaßen in die Kommode, welche in diesem Zimmer stand. Das weiß ich deshalb so genau, weil wir, wenn mein Spielfreund zum Spielen bei mir war, kurzerhand alle Sachen hinaus schmissen, und uns selbst in das Schrankfach falteten. Da die Kommode noch bis zu meinem Auszug Bestandteil meiner Zimmereinrichtung war, fragte ich mich später so manches Mal, wie es möglich sein kann, dass es eine Zeit gab, als ich in dieses kleine Fach hineingepasst habe.

Später zog in die Küsterwohnung die nachfolgende Küsterin mit ihrem Mann und zwei Kindern ein, von welchen eines meine neue Spielfreundin werden sollte. Sie war zwar etwas jünger, etwas pummelig, aber für ihr Alter immer ziemlich weit. Außerdem trug sie genau denselben Namen wie ich. Damit es zu keinen Verwechslungen kommt, behielt ich auf gemeinsamen Beschluß aller Kinder des Hofes meinen schon gewohnten Spitznamen "Sanne", während sie nur noch "Susi" gerufen wurde.

In der Wohnung über uns wohnte früher ein alter Pfarrer mit seiner Frau. Der Pfarrer hatte die Angewohnheit, manchmal wenn wir auf dem Hof spielten, aus dem Fenster zu schauen und eine Krähe nachzuahmen, die laut krächzt, oder auch eine Taube, einen Uhu bzw. was ihm sonst so einfiel. Das fanden wir natürlich sehr lustig. Ziemlich früh und plötzlich ist er gestorben und ab da lebte die Frau Sch. viele Jahre alleine in der großen Wohnung. Ab und zu bekam sie in den Ferien Besuch von ihrem Enkelsohn, mit dem ich dann sehr gerne spielte. Mit ihm konnte ich nämlich gut rangeln, was ich mit M., meinem "Hauptfreund", nicht konnte, da er so weichlich war. Allerdings fand ich bald seine Begeisterung für Körperkontakt etwas übertrieben, denn jedesmal, wenn ich beim Ringen auf ihm lag, rief er sowas wie "Oh, das war toll! Wollen wir das nochmal machen?" Seine Oma buk uns manchmal leckere Kartoffelpuffer und brachte sie uns mitsamt einer Zuckerdose auf den Hof, wo wir sie brüderlich miteinander teilten.

Fortsetzung folgt

Elternhaus - Hinterhof