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Donnerstag, 28. Juli 2022

Kategorie: Miniatürchen

Wer weiß, vielleicht war der Tagestrip nach Dresden mit meiner Freundin Auslöser für dieses neue Format - ich kann das nicht mehr genau nachvollziehen. Wir hatten uns damals verabredet, zu einer großen Kunstausstellung nach Dresden zu fahren. Diese Ausstellung entpuppte sich als das wahr gewordene Satire-Klischee über moderne Kunst. Der Höhepunkt unseres Besuchs bestand aus einem Bild mit einzig drei waagerechten schwarzen Strichen. Wir standen davor und dachten: "Hm???? Hm????? Hm??????" Künstlerische Freiheit hin oder her, man fährt eher weniger von Berlin nach Dresden und opfert sein Taschengeld dafür, um sich drei waagerechte Striche anzuschauen. Wobei Zeichnungen, die aus reduzierten Strichen bestehen, ja durchaus ihren Reiz haben. Meine Eltern besaßen einen großen Bildband mit Werken von >>Werner Klemke, ein sehr bekannter und beliebter Künstler in der DDR. Als Redakteurin hatte meine Mutter einmal ein Interview mit ihm zu machen und nahm dafür diesen Bildband mit, um ihn um eine Widmung zu bitten. Klemke verschwand damit, bevor er ihr das Buch wieder überreichte. Er hatte auf die gesamte erste weiße Seite zwei oder drei minimale Linien gesetzt, die aber eindeutig sein Profil mit Brille darstellten. Je minimaler etwas dargestellt wird, um so kunstfertiger kann es wiederum sein. Aber es waren halt keine drei waagerechten Striche. 

Witzig finde ich jedoch, daß mir ausgerechnet nur dieses Bild in Erinnerung geblieben ist. Irgendetwas muß der Künstler wohl doch richtig gemacht haben und wenn es nur die fiese Schockwirkung der Enttäuschung ist. Jedenfalls reichte diese dafür aus, daß wir an diesem Punkt die Ausstellung verließen und stattdessen in das Grüne Gewölbe flanierten. Dort ging es sehr viel spannender und dekadenter zu. Und vielleicht hat mich dieser Besuch auf Ideen gebracht, denn ich bin ja eher nicht so der Typ, der gerne lange an Bildern herummalt. Idealerweise möchte ich gerne in "einem Rutsch" fertig werden. Und auch eine einzelne Sitzung sollte nicht in einen Marathon ausarten. Leider läßt es sich aber nicht immer vermeiden, daß man an einem Tag nicht fertig wird. Und so beschloß ich kurzerhand, nur noch in Postkartengröße zu malen. Meine manchmal doch recht komplexen Bildvorstellungen konnte ich quasi in einem Bruchteil der Zeit ausführen und gute Augen hat man in diesem Alter sowieso. Genial!

Material für dieses neue Format hatte ich ebenfalls mehr als genug, denn meine Mutter besaß Unmengen von blanken Karton-Postkarten in verschiedenen Farbschattierungen und sogar mit Leinen-Struktur. Keine Ahnung, wo sie diese aufgesammelt hatte, hat mich aber nie wirklich interessiert, da ein Mangel nicht in Sicht war. Ich besitze sogar heute noch welche. 

Diese Miniatürchen klebte ich später in ein Ringbuch, das mir vor allem als Skizzenbuch dient. Deshalb findet sich darin allerhand Unausgegorenes, Mißratenes und Erschröckliches. Aber dazu beim nächsten Mal mehr. 

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2 Kommentare:

  1. Die Postkarte mit der eleganten Dame am sommerlichen Tisch entzückt mich geradezu. Meine Freundin Lydia kokettiert ab und zu mit solchen Retro-Stylings und guckt dann auch genauso wie sie, dabei ist sie eigentlich kein damenhafter Charakter. An dem Bild gefällt mir alles, auch die Atmosphäre. Und rechts unten, wo die Figur zur Sonne läuft, das ist unheimlich spannend und atmosphärisch...
    Ich mag grafische Reduktion sehr, insofern kann mich das, was du schilderst, mit wenigen, gekonnten Strichen Spannung zu erzeugen - oder eben eine virtuose Linie oder Silhouette, stark beeindrucken. Auch Spielereien mit grafischen Formen. Warum nicht drei waagrechte Striche. Da kommt es dann auf den Rhythmus an. Kann mittelmäßig oder auch virtuos sein. Spürt man an der Resonanz bei sich. Ich kenne aber auch viele Künstler/innen, die so serieweise Blätter raushauen und immer dasselbe Prinzip anwenden, manchmal wirkt es dann nur durch die Serie und die Abwandlung interessant oder spannend. Vielleicht stammte das Dings mit den drei Strichen auch aus einer Serie und wirkt im Kontext erst spannend.... Aber Enttäuschung vor an prominenter Stelle exponierten Mittelmäßigkeiten ist mir auch nicht unbekannt.

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    1. Ehrlich - diese drei Striche hatten absolut überhaupt nichts, keinen Rhythmus, keine Virtuosität, sie waren noch nicht einmal dekorativ und hatten auch keine interessante grafische Wirkung einfach deshalb, weil sie komplett auseinandergerissen und sehr dünn waren. Aber das ist nur meine Meinung. Daß dich die Dame am Tisch an deine Freundin erinnert, finde ich ja sehr putzig. Das zeigt aber auch wieder, wieviel Einfluß für die Wirkung eines Bildes es hat, was jeder für sich selbst in einem Bild sieht.

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