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Samstag, 23. Juli 2022

Thomas Mann als DDR-Lektüre

Gestern habe ich ein Buch fertig gelesen, von dem ich nicht gedacht hätte, daß es so spannend werden würde. Dem entsprechend habe ich an einem Tag fast 200 Seiten in der Hängematte weggeratzt. Es stammt noch aus dem Aufbau-Verlag von 1979 und ist ein Stück aus dem Nachlaß meines Vaters, das ich quasi mal abhaken und dann entsorgen wollte. Der Titel ist "Thomas Mann. Episches Werk. Weltanschauung. Leben." von Inge Diersen. Und der Titel ist genau in dieser Reihenfolge Programm, denn um sein Leben geht es relativ wenig, sondern hauptsächlich um seinen politischen und weltanschaulichen Werdegang, und natürlich, wie in jeder DDR-Literatur, um seine Einstellung zum internationalen Klassenkampf. Und dies wird an allen seinen Werken durchexerziert. Um sowas ist man gerade bei dokumentarischer DDR-Literatur kaum herumgekommen, aber man hat auch ziemlich schnell gelernt, solche Stellen einfach zu überlesen.  Sogar bei Belletristik gab es meistens ein Vor- oder Nachwort, in welchem man noch darüber belehrt wurde, in welcher Hinsicht dieses Werk dem internationalen Klassenkampf dient, oder aber eher verwerfliche Tendenzen oder Irrtümer beinhaltet. Und trotzdem ist die politische Entwicklung Thomas Manns, wie sie sich in seinen Werken spiegelt, interessant zu verfolgen, selbst wenn man nur zwei seiner Werke gelesen hat. In diesem Buch liest man also auch manchmal Sachen, bei denen man sich dann so seinen Teil denkt. Wie das hier zum Beispiel:

"Thomas Mann hat sich, wahrscheinlich wohl wissend, was er dabei riskiert, nicht nur mit dem gedruckten, sondern mit dem gesprochenen Wort auf den politischen Tageskampf eingelassen, hat etwas getan, was ihn gewiß viel Überwindung gekostet hat. Und dabei passiert etwas auf den ersten Blick Merkwürdiges. Er geht, wie gesagt, von denselben Überlegungen aus wie in "Kultur und Sozialismus", jetzt aber - das verlangt die Situation, das verlangt er selbst von sich - muß er konkrete, politisch praktikable Schlußfolgerungen ziehen. Und da wird aus dem metaphorischen "Bund und Pakt" zwischen "Griechenland und Moskau" die Aufforderung, sozialdemokratisch zu wählen. "Wenn ich der Überzeugung bin - einer Überzeugung, für die es mich drängte nicht nur meine Feder, sondern auch meine Person einzusetzen -, daß der politische Platz des deutschen Bürgertums heute an der Seite der Sozialdemokratie ist, so verstehe ich das Wort 'politisch' im Sinn dieser inneren und äußeren Einheit. Marxismus hin, Marxismus her, - die geistigen Überlieferungen deutscher Bürgerlichkeit gerade sind es, die ihr diesen Platz anweisen..." Thomas Manns gedankliche Einsichten reichen weiter als seine Fähigkeit, politisch-praktische Schlußfolgerungen zu ziehen."  

Über seine Reaktion auf den ersten Weltkrieg wird folgendes geschrieben:

"Auf den Kriegsausbruch reagierte Thomas Mann zunächst mit ungläubiger Bestürzung, die rasch in Ergriffenheit "durch diesen großen, grundanständigen, ja feierlichen Volkskrieg" überging. Im November folgte er dem Beispiel zahlreicher angesehener Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler und gesellte sich mit dem Artikel "Gedanken im Kriege" öffentlich zur Partei der nationalistischen Kriegsbejaher. Wir wollen uns vor Augen halten, daß bei Kriegsausbruch und noch geraume Zeit danach die Partei der Kriegsgegner klein war und nur wenig Einfluß hatte - nicht allein in Deutschland - , daß durch das Versagen der II. Internationale, durch den Verrat der sozialdemokratischen Führung auch weite Kreise des deutschen Proletariats desorientiert waren und sich in den chauvinistisch-demagogischen Strudel hineinreißen ließen....Thomas Mann bezahlte sein Engagement auf der falschen Seite mit einem mehrere Jahre währenden Aussetzen seiner poetischen Produktivität....Für die Widersprüchlichkeit in Thomas Manns Denken spricht, daß er - je länger der Krieg dauert, desto ausdrücklicher - am Glauben an einen Sieg der "deutschen Waffen" festhält und zugleich Beklemmung beim Gedanken an einen "deutschen Sieg" empfindet. "Ich für meine Person würde wenig Gefallen daran haben, einer Nation anzugehören, die den Fuß auf dem Nacken Europa's hat." So 1915. Und im Sommer 1918, als die Oberste Heeresleitung den Staat beherrscht und zahlreiche "bürgerliche Rechte" außer Kraft gesetzt hat, fragt Thomas Mann sich beklommen, ob sich derlei "Einschränkungen" "möglicherweise 'bewähren' und verewigen" könnten. "Ich gestehe, daß ich vor dem Staat der Zukunft" - also dem Staat, der aus dem von ihm erhofften deutschen Sieg hervorgehen könnte - "doch etwas Gottesfurcht empfinde und fange an, mich zu fragen, ob für meinesgleichen und die immerhin recht lockeren Dinge, die meinesgleichen zu bieten hat, irgend Raum darin sein wird."

Und seine Reaktion auf den zweiten Weltkrieg ist wie folgt beschrieben:

"Leidenschaftlich wandte er sich gegen die Politik der west-europäischen bürgerlichen Demokratien, die tatenlos zusahen, wie Hitler-Deutschland einen Vertrag nach dem anderen brach, wie es Österreich annektierte, und die schließlich im Münchener Abkommen die Annexion tschechoslowakischen Territoriums guthießen. Heuchlerisch behaupteten sie, den Frieden gerettet zu haben....Nachdem das faschistische Deutschland durch den Überfall auf Polen den zweiten Weltkrieg entfesselt hatte, erhoffte Thomas Mann sich von der neuen Lage die Herstellung klarerer Verhältnisse in Europa und in der Welt. "Und ist denn ein rasches Ende des Krieges, das wesentlich alles beim Alten ließe, auch nur zu wünschen? Müßte der Krieg nicht lange genug dauern, um überall gründliche Veränderungen hervorzubringen oder dafür reif zu machen?" Das schrieb er in einem Brief wenige Wochen nach Kriegsausbruch....In Thomas Manns Einschätzung des zweiten Weltkrieges haben immer Wunschdenken und Illusionen über die westlichen Demokratien zu Vereinfachungen geführt...Daß der Krieg auch in dieser Phase partiell imperialistischer Krieg um die Neuaufteilung der Welt war, spielte für sein Denken nur eine untergeordnete Rolle."

Interessant ist auch die Anekdote, die Thomas Mann in seiner Schrift "Entstehung des Doktor Faustus" berichtet. Aus seinem Roman "Lotte in Weimar" wurden Passagen von Goethes großem Monolog in antifaschistischen Flugblättern abgedruckt, allerdings unter der Überschrift "Aus Goethes Gesprächen mit Riemer". Solch ein Flugblatt wurde dem britischen Ankläger im Nürnberger Prozeß vorgelegt, welcher in seinem Plädoyer viele Anführungen daraus machte. Darauf erschien ein Artikel in der London Times, worin nachgewiesen wurde, daß nicht Goethe sondern ein Roman zitiert wurde, was die offiziellen Londoner Kreise ziemlich in Verlegenheit setzte. Quasi die frühere Form von Fake-News. Thomas Mann entschuldigte dies auf Anfrage des Botschafters jedoch als eine gutgemeinte Mystifikation, und verbürgte sich, auch wenn es Goethe nicht selbst gesagt habe, hätte er es doch sehr wohl sagen können. 

Thomas Mann sieht in Martin Luther die Schlüsselfigur deutscher Geschichte, den Mann einer geistig-geistlichen Revolution, der für die Freiheit des Christenmenschen stritt und der die reale, die politisch-soziale Revolution der Bauern an die Fürsten verriet, eine "riesenhafte Inkarnation deutschen Wesens", den Urvater des "deutschen Dualismus von kühnster Spekulation und politischer Unmündigkeit". Hier lägen die Wurzeln für das "kerndeutsche Auseinanderfallen von nationalem Impuls und dem Ideal politischer Freiheit". "Warum muß immer der deutsche Freiheitsdrang auf innere Unfreiheit hinauslaufen? Warum muß er endlich gar zum Attentat auf die Freiheit aller anderen, auf die Freiheit selbst werden? Der Grund ist, daß Deutschland nie eine Revolution gehabt und gelernt hat, den Begriff der Nation mit dem der Freiheit zu vereinigen." Das stimmt heute ja nicht mehr so ganz. 

Man erfährt aber auch, daß Gustav von Aschenbach aus "Tod in Venedig" Gustav Mahler nachempfunden ist. Ich weiß nicht, ob dieser so erbaut darüber gewesen wäre, aber praktischerweise ist er kurz vorher verstorben. 

3 Kommentare:

  1. An dem Mahler-inspirierten Aschenbach haben wurde sich vor einem Jahr hier in den Kommentaren abgearbeitet. Immerhin hatte Mahler einst einen Huldigungsbrief von Thomas Mann beantwortet, das war aber sicher auch eine Höflichkeitsgeste.

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    1. Thomas Mann schreibt zu "Tod in Venedig" (Zitat aus dem Buch): "Leidenschaft als Verwirrung und Entwürdigung war eigentlich der Gegenstand meiner Fabel, - was ich ursprünglich erzählen wollte, war überhaupt nichts Homo-Erotisches, es war die - grotesk gesehene - Geschichte des Greises Goethe zu jenem kleinen Mädchen in Marienbad, das er mit Zustimmung der streberisch-kupplerischen Mama und gegen das Entsetzen seiner eigenen Familie partout heiraten wollte, was aber die Kleine durchaus nicht wollte....diese Geschichte mit all ihren schauerlich-komischen, hoch-blamablen, zu ehrfürchtigem Gelächter stimmenden Situationen, diese peinliche, rührende und große Geschichte, die ich eines Tages vielleicht doch noch schreibe. Was damals hinzukam, war ein persönlich-lyrisches Reiserlebnis, das mich bestimmte, die Dinge durch Einführung des Motivs der 'Verbotenen Liebe' auf die Spitze zu stellen..."

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  2. Noch ein hübsches Zitat aus dem Buch: "Thomas Mann gesteht in seinem Essay ("Versuch über Tschechow), daß sich ihm die Bedeutung der Tschechowschen Erzählkunst erst einigermaßen spät erschlossen hat. Zunächst habe bei ihm die "Faszination durch das 'große Werk', den 'langen Atem', das in mächtiger Geduld durchgehaltene und vollendete epische Monument" dominiert, die "Vergötterung der großen Vollbringer gleich Balzac, Tolstoi, Wagner, denen es irgendwie nachzutun mein Traum war". Daß auch die kleine epische Form "die ganze Fülle des Lebens in sich aufnehmen, sich durchaus zu epischem Range erheben, ja, an künstlerischer Intensität das Große, das Riesenwerk, das unvermeidlich manchmal müde wird und ehrwürdiger Langerweile verfällt, wohl gar übertreffen kann", habe er erst später begriffen." Es gefällt mir deshalb, weil es mir ganz genauso ergangen ist und ich die Theorie habe, daß es etwas mit dem Lebensalter zu tun hat. Ich glaube, in jungen Jahren verschleudert man seine Lebenszeit sehr viel bereitwilliger an ehrwürdige Langeweile.

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