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Donnerstag, 15. Januar 2026

Zukunftsvisionen

Deutschland schickt gerade Bundeswehr-Soldaten nach Grönland. Wer hätte gedacht, daß die USA schneller nach Europa greift, als Putin in Deutschland einmarschiert? Sich mit zwei Supermächten anzulegen, indem man sich vor einer schützt, die tatsächlich aggressive Forderungen stellt, und dann noch mit einer, die man einfach nur haßt, dürfte von Anfang an aussichtslos sein. Ich könnte mir allerdings auch vorstellen, daß dies eine Trump-Show ist, d.h. ein Bluff, der mit Venezuela sehr glaubhaft untermauert wird, damit Europa beschäftigt ist und keinen anderen Mist baut. Kurz vor Weihnachten verkündete Nato-Generalsekretär Rutte ja die frohe Botschaft: „Wir müssen uns auf ein Ausmaß von Kriegen vorbereiten, wie sie unsere Großeltern und Urgroßeltern ertragen mussten“. Und machte damit Eltern schlaflos, die noch den zweiten Weltkrieg erlebt haben. Er selbst schämt sich dafür sicher nicht und schläft weiterhin gut, weil er so wie alle dieser Sorte irgendwo eine "Datscha" an einem sicheren Ort hat, wo sich die Kriegs-Krähen zum Champagnerempfang treffen und sich gegenseitig kein Auge aushacken. Auf meiner Momentum-Startseite werden mir täglich der Silber- und Goldpreis angezeigt - die schießen gerade durch die Decke. Ich wollte einiges altes Silber und Gold verkaufen. Aber obwohl man immer mehr dafür bekommt, denke ich jetzt tatsächlich, wenn es doch bald Krieg gibt, was ja für einige so klar wie das Amen in der Kirche ist, dann nützt mir der Euro nichts mehr, sondern nur noch Silber und Gold. Also horte ich lieber das bißchen kaputten Silber- und Goldschmuck, zum Glück nimmt der ja nicht viel Platz weg. 

Wie sich Rutte dieses Ausmaß genau vorstellt, das hat er nicht näher erläutert, aber da kann Alfred Döblin aushelfen. Der ist nach seiner Flucht aus Deutschland nämlich gleich 1945 wieder zurückgekehrt und beschreibt in seinem autobiographischen Buch >>"Schicksalsreise"(bezahlter Link), was er dort sah:

"Wenn ich zurückdenke und mir das Bild dieses Landes vor Augen halte, so bin ich gewiß: Nicht durch das Gehirn des schwärzesten Pessimisten irrte damals eine solche Phantasie, wie sie jetzt Realität geworden ist. Es gibt Städte, von denen wenig mehr als die Namen existieren. Andere sind so umgelegt worden, daß sie völlig ihren Charakter einbüßten. Aus einem, gewiß von Krisen geschwächten, aber leistungsfähigen Land ist eine Wüste geworden....

Das Menschengewimmel in einer volkreichen Stadt wie Stuttgart. Durch Zuwanderung von Flüchtlingen aus anderen Städten und Gegenden noch mehr geworden, bewegten sich hier die Menschen, auf der Straße zwischen den fürchterlichen Ruinen, wahrhaftig, als wenn nichts geschehen wäre und als wenn die Stadt immer so aussah. Auf sie jedenfalls wirkt der Anblick der zerbrochenen Häuser nicht. 

Und wenn einer glaubt oder früher geglaubt hat, das Malheur im eigenen Lande und der Anblick einer solchen Verwüstung würde die Menschen zum Denken bringen und würde politisch erzieherisch auf sie wirken - so kann er sich davon überzeugen: er hat sich geirrt....

Manchmal steht die Vorder- und Hinterwand, aber die Seiten fehlen. Und recht oft steht überhaupt nichts , was einem Haus ähnelt, und da wo sich wahrscheinlich früher ein kräftiges Gebäude hinstellte, wölbt sich jetzt ein breiter Steinhügel, aus dem verbogene Eisenträger, Fensterrahmen und Türen ragen. Man entdeckt da auch manchmal verbogene Heizkörper, zerquetschte Eimer und Leitungsröhren. Der Schutt verbirgt auch viele Leichen. Da liegen sie und machen die Straßen furchtbar still. Viele Menschen sind in ihren Wohnungen überrascht worden und wurden in den zusammenstürzenden Häusern, in den unzulänglichen Kellern erschlagen und sind erstickt. Es sind auch viele verbrannt. Was die Bombe mit ihrer Sprengkraft verschonte, fraß das vom Phosphor genährte Feuer. Manchmal ist das Pflaster aufgerissen, als wenn sich der Boden gehoben hätte. Fast überall aber hat man schon die brauchbaren Ziegelsteine ausrangiert und sauber an den Hauswänden aufgestapelt. Sie warten auf neue Verwendung. Denn wie ich schon sagte, hier lebt unverändert ein arbeitsames, ein ordentliches Volk. Sie haben, wie immer, einer Regierung, so zuletzt dem Hitler pariert, und verstehen im großen und ganzen nicht, warum Gehorchen diesmal schlecht gewesen sein soll. Es wird viel leichter sein, ihre Städte wieder aufzubauen als sie dazu zu bringen, zu erfahren, was sie erfahren haben und zu verstehen, wie es kam.....

Ich sah oft Menschen auf die Ruinenhügel steigen. Was wollten sie da? Etwas suchen, graben? Sie hatten Blumen in der Hand. Auf dem Hügel hatten sie Kreuz und Tafeln errichtet.  Es waren Gräber. Da legten sie Blumen hin, knieten und sprachen Gebete. ....

Wo wohnen nur die zahllosen Menschen nach einer so massiven Vernichtung von Wohnstätten? Man wohnt nicht mehr wie früher, für ganz große Teile der Bevölkerung hat das bürgerliche Dasein, nicht nur das bequeme Dasein ein Ende genommen, auf lange Zeit. Man wohnt in alten Bunkern, Luftschutzkellern, Baracken, auch in Teilen von Ruinen, in Kellern. ...Die Menschen sind dieselben, die ich 1933 verließ. Aber es ist allerhand mit ihnen geschehen. Ich stelle es im täglichen Umgang mit ihnen fest. Sie haben dieselben Interessen, Allüren wie früher, haben unverändert Sinn für Musik, viele besitzen Kenntnisse. Aber sie sind im ganzen weniger mannigfaltig, weniger persönlich als früher. Sie erscheinen mir, jedenfalls mir, der von außen hereinkommt, viel uniformer. Sie haben eben zwölf Jahre wenig Einflüsse von außen erfahren und diese Einflüsse waren stark kontrolliert. Eine gleichsinnige Propaganda lastete auf ihnen und nivellierte sie, ob sie gebildet oder ungebildet waren.. Ich habe den Eindruck und ich behielt ihn die ganze erste Zeit hindurch: Ich habe ein Haus betreten, das voller Rauch steht - aber die Bewohner merken nichts davon. 

Neu ist mir eine gewisse geistige Schwerfälligkeit. Sie sind wie eingerostet. Sie verfügen über ein kleines Repertoire an Vorstellungen, das man ihnen eingeprägt hat, und damit arbeiten sie, und man kann sie schwer daraus ziehen. Das hat das Regime hinterlassen. Und darum prallen von ihnen auch alle Aufrufe ab, die man an sie richtet, und die Broschüren zur Aufklärung wirken darum kaum und werden ablehnend und empört gelesen, als wenn der Diktator noch im Lande wäre.....

Straße um Straße ohne Menschen, das ist nicht nur abenteuerlich, es ist unheimlich, und man kann es nicht lange ertragen. In einigen Ruinen regt es sich, vom Boden hebt sich eine Luke, ein Kopf streckt sich heraus, in den fensterlosen Kellern hausen Menschen....

Als ich 1933 diese Stadt (Berlin - Anmerk.) verließ, stand sie reich und prächtig, geräuschvoll, quasi gemästet da, mit einem Übermaß an Leben. Berlin war wirklich eine Kapitale, ein Zentrum, ein Umschlagort für Geistiges und Politisches, auch für die Wirtschaft geworden, für den Fremden eine tosende Stadt. Aber wer hier lebte, wußte, daß sich durch alle Veränderungen hindurch der Berliner Menschenschlag in seiner Art erhielt: Trocken wie der Sand der Mark, auf dem sich die Häuser erhoben, zu Ironie und Scherz geneigt, durchaus nicht roh, wenn auch nicht hoch gebildet, nüchtern, skeptisch und arbeitsam, ein regsamer, sehr anstelliger Menschentyp, den man in allen Schichten finden konnte....

Hier herrscht jetzt am frühen Nachmittag ein unheimliches Schweigen. Man stelle sich vor, in einer Riesenstadt wie Berlin, eine breite Straße ohne Wagen, mit wenigen Menschen und kein Laut. Links drüben der Luisenplatz, früher eine Grünfläche; auf den Bänken saßen Menschen, da spielten Kinder. Jetzt blickt man die leere Luisenstraße hinunter, wo es früher von Studenten und Wagen wimmelte. ... Das Romanische Café ist offen, man kann hineingehen, wenn man Lust hat; es steht enorm weit offen. Man kann von der Straße in die Hinterräume blicken, in den ersten Stock. Drüben gab es ein Kino. Ich finde den Platz nicht mehr; es brachte einmal die Premiere eines Films nach meinem "Alexanderplatz". Auch der dicke Schauspieler, der damals die Hauptrolle spielte, existiert nicht mehr, im Osten gestorben. Nur ich bin noch da - und konstatiere alles. 

Das Riesenlokal am Zoo, die Wilhelmshallen, zusammengeschlagen. Der Zoo; hier fiel einmal eine Phosphorbombe auf einen Elefanten, das Tier kämpfte entsetzlich , um das Feuer zu ersticken. Aber da die Sonne auf Gerechte und Ungerechte scheint, wurde das riesige, ahnungslose Tier in den menschlichen Jammer hineingerissen und kam um. Es gab ein entsetzliches Toben in der Stadt, davon hört man jetzt nichts mehr, das anorganische Toben der Elemente. Es entstand bei der furchtbaren fressenden Hitze ein Feuersturm, der durch die Straßen raste, Heulen und Rauschen. ...Den Menschen waren ihre Schöpfungen über den Kopf hinweggewachsen, und nun rasten über ihren Köpfen diese Gebilde, die Elemente, die ihnen bis da gedient hatten und triumphierten. 

Wenn Alarm zu spät gegeben wurde, stürzten die Menschen die finsteren Stufen der Keller hinunter, und wer einmal umgestoßen wurde und lag, den sah man nicht und niemand richtete ihn auf. Es wurden Kinder und Hilflose von der Herde der Geängstigten totgetreten, - bevor sie allesamt verschüttet wurden. 

Dinge dieser Art geschahen in einer reichen Stadt Europas, während zugleich im selben Europa Musik und Literatur blühten und Asepsis und Immunität entwickelt wurden. ...

Und da sind also die Linden, früher eine Prachtstraße der Stadt. Der Grundriß ist noch da, - die Straßen verschwunden. Wie weit die Linden sind, leer, ein Riesenplatz, der sich lang hinzieht. Keine Bäume. Man sieht über Häuser hinweg, durch Häuser hindurch. Hinten, am Pariser Platz, erkenne ich das Brandenburger Tor. Es steht im leeren Raum, rechts und links nichts. Auf seinem Dach, wo das Viergespann fuhr, liegt oder steht noch etwas, aber das Bild hat sich verändert.

Still und leer die Friedrichstraße, und so diese Linden, durch die sich früher Menschenmassen und Wagen wälzten. An der Kranzler-Ecke mußten - früher - Schutzleute den Verkehr regeln. Wie wir hier stehen, nähert sich von der Friedrichstraße her ein junger, russischer Soldat, am Arm eine junge Frau in einem einfachen blauen Kleid. Ernst gehen sie an uns vorbei. Ein Bild, eine Halluzination: über die verwüsteten menschenleeren Linden, zwischen den Ruinen dieser verwüsteten Stadt, spaziert einsam, ernst und ruhig ein junger russischer Soldat mit seiner Frau. ...

Ich erinnere mich aus 1933 einer Radioübertragung des Hitlerbesuches in Potsdam am Grab dieses manchmal auch Flöte spielenden Königs. Potsdam wurde wieder einmal gegen Weimar gestellt. Es war der Auftakt, das Abfahrtszeichen für die Fahrt ins Dritte Reich, zur Aufrüstung, zum Krieg und zur Zerschmetterung. Das Potsdamer Radiozeichen  spielte "Üb immer Treu und Redlichkeit". Man sah schon eine Koalition gegen sich voraus, und vielleicht hoffte man auch am Schluß noch auf ein solches Wunder wie das, welches den preußischen König rettete. Ironie der Geschichte: es war eine Russin, die russische Kaiserin, die sich des Preußen, der verloren war, annahm. Die Russen haben den faux pas von damals revidiert."

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