Heute ging es überall um mich herum hoch her - auf dem Hof der lärmende Baum mit den Millionen hungriger Küken, und frühmorgens in der Küche genauso viel Lärm, allerdings durch krächzende, aufgebrachte Krähen. Nun kommt das immer mal wieder vor, normalerweise beruhigen sie sich schnell wieder, aber diesmal wollten sie einfach nicht aufhören. Deshalb schaute ich mal genauer hin, weshalb sie so wutentbrannt in Richtung einer Astgabel krächzen und picken. Zuerst fiel mir nichts auf, doch dann entdeckte ich in der Astgabel etwas braunes, rundes. Ich hielt es erst für ein Nest, das die Krähen angreifen und welches heldenhaft verteidigt wird, aber mit meinem Kamera-Zoom sah ich, daß dieses Nest atmet und ein Fell ist. Mehr sah ich aber lange Zeit nicht. Zwischendurch bewegte sich mal ein Kopf, doch ich konnte nicht wirklich viel erkennen. Eine Katze schloß ich schon mal aus und dachte an Marder oder Waschbären. Die Krähen konnten sich einfach nicht einkriegen, aber das Ding schien sich daran nicht zu stören, und ich ging auch erstmal wieder anderen Aktivitäten nach, schaute aber immer mal nach, ob es noch da ist.
Irgendwann erwischte ich den Kopf - und siehe da, tatsächlich ein Waschbär. Ich dachte erst, er hat von den Krähen genug und steigt vom Baum, aber nö, er drehte sich nur um und pennte weiter. Waschbären sind ja eigentlich sowieso nachtaktive Tiere, aber ich könnte ehrlich gesagt nicht schlafen, wenn mich eine Horde hysterischer Krähen umringt und wütend ankrächzt. Das hat mich schon in der Küche genervt. Der Waschbär muß ein ziemlich dickes Fell haben. Einige Stunden später schlief er weiterhin, aber zuckte im Schlaf, als ob er träumt, und dabei fiel ihm immer ein Bein herunter, daß er dann hochzog, aber es hing ständig wieder unten. So ging es eine ganze Weile, bis er sich eine neue Schlafposition suchte.
Die Krähen geiferten den Waschbären bis ca. halb acht Uhr abends an, der Arme, ab und zu flogen sie kurz mal in einem Baum auf dem Hof, wo sie genauso laut waren und anscheinend aufgeregte Kriegskonferenzen abhielten, dann ging es zurück auf die andere Seite in den Waschbärbaum. Erst ab halb acht wurde es still, weil die Krähen dann wohl schlafen gegangen sind. Ab halb neun bis zum Einbruch der Dunkelheit vollzog der Waschbär eine ausgiebige "Katzenwäsche", auf die jede Katze neidisch wäre. Ich schätze mal, er wird sich im Dunkel dann vom Acker machen.
Heute herrscht ein Mars-Pluto-Quadrat, das für Machtkämpfe und aggressive Eskalation steht: der Waschbär hat es genau richtig gemacht und sich nicht provozieren lassen, während die Krähen jetzt vermutlich von ihrem stundenlangen sinnlosen Gekrächze heiser und erschöpft sind. Selbst schuld.
Ein Waschbär am helllichten Tag genau vor meinem Küchenfenster in der vierten Etage, an einer breiten, befahrenen Straße in Berlin - das hat man auch nicht alle Tage. Eigentlich hatte ich das noch nie.





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