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Samstag, 31. März 2018

Inspiration, Motivation und ein unerklärliches Energiephänomen

Ostersamstag, kurz nach 7 Uhr am Morgen. Nach hochgerechnet drei Stunden Schlaf und ungezählten halbwach herumgewälzten Stunden stehe ich auf, um in die Küche zu gehen und etwas Wasser zu trinken. Mein Blick schweift aus dem Fenster, gähnende Leere auf der Autobahnzufahrt. Eine junge Ringeltaube spaziert im Baum herum. Auf der Straße vor dem Haus eine einsame Joggerin. Um diese Uhrzeit - manche Leute sind echt krank, mein erster Gedanke dazu.

Wenn ich mich im Halbschlaf im Bett herumwälze, höre ich Musik. Also ich höre sie nicht wirklich, sondern sie ist nur in meinem Kopf, wie Ohrwürmer, aber im Gegensatz zu diesen, verschwindet die Musik nach dem Aufstehen relativ schnell. Oft ist es Musik aus dem Zumba-Training oder Musik, zu der ich selbst viel getanzt habe oder es vorhatte. Aber das ist nicht alles. Zu dieser Musik sehe ich auch Tanzschritte, bzw. ich sehe nicht die Schritte, sondern tanze sie in der Vorstellung. Manchmal sind es die Schritte, die ich auch sonst dazu tanze, viel häufiger aber sind es völlig neue, die ich noch nie getanzt habe und mich auch nicht erinnere, sie jemals irgendwo in einem Video gesehen zu haben. Wenn mir bewußt wird, gerade einen ganz neuen und, wie mir meist scheint, tollen Move getanzt zu haben, bin ich plötzlich hellwach und nehme mir vor, mir diesen Bewegungsablauf unbedingt zu merken und auszuprobieren. Wenn ich diese Schritte in real ausprobiere, funktionieren sie oft erstaunlich gut, es sind aber auch einige Traumblasen dabei, die in der Wirklichkeit zerplatzen. Dabei meine ich noch nicht einmal die Überschläge, die ich ab und zu in meiner Vorstellung mit Leichtigkeit mache und die ich in real nie hinbekommen und auch nicht ausprobieren würde. Ich kenne meine Grenzen. Es ist aber schon erstaunlich und ziemlich amüsant, wie sich mein Unterbewußtsein im Halbschlaf tänzerisch so austobt. Früher hat mir die Inspiration in diesem Zustand Gedichte gebracht, heute bringt sie mir Tanzschritte. Nun ja, man nimmt halt, was man kriegt. Überhaupt scheint mir Inspiration so eine Art Systemoutput zu sein. Gibt man viel Reime, Gedichte und tiefsinnige Gedanken in das System ein, kommen, sobald der Input abgeschlossen ist und verarbeitet wird, neue Gedichtideen dabei heraus. Gibt man aber viel Zumbaschritte, Musik, Rhythmus und Körpergefühl ein, kommen neue Tanzschritte und Bewegungsabläufe dabei heraus.

Gedichte haben allerdings den großen Vorteil, daß man sie sehr gut und schnell in einem Notizbüchlein festhalten und danach ruhig einschlafen kann. Zwar kann man auch Tanzschritte aufschreiben, das ist aber schon etwas aufwendiger und im Endeffekt nur ein Strohhalm für die Erinnerung. Ich habe für die Choreos, die ich mir merken will, ein Heftlein, in welchem ich die Abläufe und Schritte möglichst genau niederschreibe. Aber wenn ich etwas lange nicht tanze, auch noch nicht so wirklich viel geübt habe und nach Monaten wieder in die Notizen schaue, gleicht das einem Schwein, das ins Uhrwerk schaut - ich verstehe nur noch Bahnhof. Als Anschauung, was ich meine, habe ich mal eine Seite abfotografiert. Das ist der Grund, warum es mit dem Schlafen nach so einer Neuentdeckung dann noch schwieriger wird, weil ich fürchte, mich nach dem Einschlafen nicht mehr erinnern zu können.

Ich stehe also in der Küche, wundere mich über kranke Leute, die früh um 7 Uhr joggen, und denke mir - hey, eigentlich könntest du gleich mal den neuen Schritt ausprobieren! Natürlich ohne Musik, denn die ist mir am frühen Morgen zu laut. Ich bin ein ausgesprochener Morgenmuffel. Nun tanze ich in der Küche barfuß in meiner Unterwäsche zu meiner Kopfmusik und teste. Dabei werden Beinwinkel und Armhaltung variiert und begutachtet. (Im Schwingdeckel meines Mülleimers kann ich mich spiegeln, wenn auch nur verkrümmt, weshalb ich darin elendig lange Beine, aber einen kurzen Oberkörper habe.) So kommt es, daß ich kurz nach 7 Uhr in der Frühe halbnackt vor meinem knallroten Mülleimer herumpose und Balztänze aufführe. Bloß gut, daß mich niemand dabei sehen kann! Manche Krankheiten sind allein vom Zuschauen ansteckend. Allerdings scheue ich am frühen Morgen und vor allem nach wenig Schlaf größere Anstrengungen, weshalb ich sofort aufhöre, als ich merke, daß ich gleich zu schwitzen beginne. Stattdessen kehre ich ins Bett zurück in der Hoffnung, nun einschlafen zu können. Kaum liege ich im Bett, kommt mir der Gedanke zu diesem Blogeintrag und wie das dann so ist, beginne ich bereits zu formulieren. Da ich es jetzt ahne, daß aus Schlaf irgendwie nix mehr wird, stehe ich erneut auf und begebe mich an den Computer. Hier sitze ich nun, völlig übermüdet, aber immerhin sind ein neuer Tanzschritt und ein neuer Blogeintrag dabei herausgekommen. Der letzte ist schon wieder eine Woche her, wie ich gerade sehe.

Ich weiß nicht, was ich mit diesem Schlafentzugsdelirium-Tag heute anfange, Sport fällt jedenfalls aus und Lesen auch. Aber zumindest hatte ich jede Menge Mentaltraining. Ich fürchte nur, Mentaltraining wird bei meinen Fettreserven auch nicht viele Erfolge erzielen. Obwohl, wer weiß? Wissenschaftler haben festgestellt, daß bei der Vorstellung einer Bewegung im Gehirn dieselben Signale an die Muskeln gesendet werden, wie bei der richtigen Bewegung. Ja, es ist sogar so, daß die Muskelkraft bei mental ausgeführten Übungen tatsächlich steigt. Wenn es vielleicht überflüssig ist, sich für mehr Kraft im Fitnessstudio abzuschuften, könnte es ja ebenfalls möglich sein, daß das Gehirn dabei genauso Signale an die Fettzellen zur Energiegewinnung sendet. Das wäre dann so wie bei Süßstoff im Essen, der dazu führt, daß der Körper allein durch den Geschmack auf Zuckerverstoffwechslung schaltet (aber keinen findet - weshalb Süßstoff erst recht Heißhunger und damit dick macht). Ich überlege, ob ich meine Liegestütze künftig nur noch mental ausführe. Weniger dabei herauskommen als jetzt, kann dann sicher auch nicht. Überhaupt ist mir ein merkwürdiges Phänomen aufgefallen.

Letztens tanzte ich fünf Stunden hintereinander. Zwei Stunden und Vierundfünfzig Minuten davon wurden mir von der App meines Fitnessarmbands sogar als Aktivität anerkannt. Und die ist echt streng! Das Training im Verein ist bei der nur ein Spaziergang. Außerdem hat die App berechnet, daß ich knapp 15.000 Schritte gelaufen bin und ca. 3600 Kalorien am Tag verbrannt habe. Allerdings hat sich auf der Waage nicht die allerkleinste Veränderung gezeigt, ja es waren eher noch ein paar Gramm mehr. Also ließ ich spaßeshalber von der App mal ausrechnen, was ich am Tag so zu mir genommen habe an Kalorien. Kalorienzählen mache ich sonst nicht. Dazu ist mir meine Zeit zu schade. Ich hatte über den Tag nur Wasser getrunken und nach drei Stunden Tanzen, als ich leichten Hunger bekam, eine Banane gegessen. Keine Sorge, das mache ich nicht um abzunehmen, sondern ich bin es, seit ich denken kann, gewohnt, nur ein bis zwei Mahlzeiten pro Tag zu essen. Vor dem Sport esse ich nie etwas, weil mein Körper irgendwie nicht auf Multitasking ausgelegt ist und ich dann leicht Probleme mit dem Kreislauf bekomme. Abends hatte ich eine große Portion Gemüsegulasch aus einer roten Paprika, fünf Tomaten, einem Würstchen, dazu viele Kartoffeln und hinterher einen Fruchtsecco. Zwischendurch Weintrauben und meinen vormitternächtlichen Appetit stillte ich mit einem hartgekochten Ei und drei kalten Würstchen. Dazu kommt noch eine kleine Cola. Die App kam auf großzügig aufgerundet 2000 Kalorien und war der Meinung, ich hätte sogar noch 1600 Kalorien zu mir nehmen dürfen. Bleibt also ein schwarzes Energieloch von 1600 Kalorien. Wo hat mein Körper die hergeholt? Wenn er die weder aus der Nahrung, noch aus den Körperreserven holt, gibt es noch eine dritte, unbekannte und geheimnisvolle Energiequelle? Was für eine Quelle ist das? Haben sie mir vielleicht nicht nur ein Implantat, sondern gleich noch ein paar Duracell-Batterien eingebaut? Das ist irgendwie unheimlich.

Aber auch unheimlich demotivierend. Da kommt einem das ganze Getanze völlig sinnlos vor. Ok, natürlich ist es das objektiv gesehen nicht. Denn natürlich merke ich leichte Verbesserungen in der Kondition, und es ist ja immer von Vorteil, wenn man die Treppen etwas schneller hoch kommt. Schön ist es ebenfalls, wenn man bestimmte Dinge besser tanzen kann und es sich gut anfühlt. Aber das war es nicht, was ich wollte. Meine Fitness fand ich schon vorher recht zufriedenstellend und besser tanzen muß ich auch nicht unbedingt. Das hat jetzt nicht wirklich irgendwelche gravierenden Vorteile für mich, außer daß ich mir selbst auf die Schulter klopfen kann. Vielleicht sollte ich mir ein anderes Ziel suchen. Denn seltsamerweise, als ich mit dem Tanzen zehn Kilo abgenommen hatte, war Abnehmen nicht mein erklärtes Ziel. Ich wollte nur ein bißchen besser beim Zumba mitkommen und außerdem diese ganzen Kurse und vor allem den Zumbathon im PS3-Zumbaspiel freischalten, wozu man sie aber erst alle durchtanzen mußte. Abnehmen tat ich quasi nebenbei. Vielleicht ist es ja kontraproduktiv, wenn man sich zu sehr auf ein bestimmtes Ziel fokussiert. Ich weiß nur nicht, was ein anderes Ziel sein könnte, mit welchem ich nebenbei abnehme und motiviert bleibe. Vielleicht ein Tanzkalender. Immer wenn ich eine bestimmte Stufe erreicht habe, darf ich ein Türchen öffnen. Blöd ist nur, wenn ich den Kalender selbst mache, weiß ich vorher schon, was drin ist, und wenn er nicht von mir ist, schau ich wahrscheinlich vorher schon rein. Bei einem Videospiel geht das natürlich nicht.

Immerhin weiß ich inzwischen, wer wirklich schuld ist, daß es einfach nicht weitergeht. Die Sterne sind schuld, genau! Wie meistens! Hab mal geschaut, was sich bei mir so in den Transiten herumtreibt und die Übeltäter erwischt:

Jupiter in Opposition zum Saturn r
"Nun könnte es zu viel Frustration kommen, besonders dann, wenn man denkt, daß es vorangeht. Diese Transite funktionieren wie eine Bremse, was zunächst einmal sehr lästig sein könnte, sich im nachhinein aber vielleicht als Segen herausstellt. Der Mensch könnte zu dieser Zeit, die von einem ständigen Stop-and-Go gekennzechnet ist (haargenau so!), unzufrieden, rastlos und jähzornig reagieren - er sollte versuchen, die Ruhe zu bewahren, hat aber weniger Geduld als sonst."

Und dazu kommt noch ein Saturn-Mond r-Quadrat:
"Eine eher pessimistische Haltung und das Gefühl, "die Nase voll zu haben". Der Geborene sollte die Ruhe bewahren, keine Entscheidungen treffen und wichtige Aktivitäten aufschieben - Fortschritte kann er jetzt kaum erzielen."

Kein Wunder, daß ich ständig schlechte Laune bekomme...

Tanzheft

from ❀Tänzerin zwischen den Welten (...oder ein Blumenkind im Asphaltdschungel) https://ift.tt/2GWowwZ

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