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Mittwoch, 4. April 2018

Paarungszeit

Die Ringeltauben beschlossen bereits an Ostersonntag, trotz Schnee, daß sie jetzt nicht mehr länger warten wollen mit dem Nachwuchs. Stundenlang balzten sie im Blumenkasten vor meinem Fenster herum. Vorher hatten sie im Blumentopf auf meinem Balkon begonnen und früh um acht Uhr dabei ohrenbetäubenden Lärm gemacht, so daß ich ihr Gurren sogar durch die Ohrstöpsel gehört habe. Aber irgendwie wollten sie den Blumentopf diesmal nicht. Im Blumenkasten vor dem Fenster verneigten sie sich dagegen viele Stunden ununterbrochen voreinander, zumindest sieht das so aus, und knabberten sich ab und zu mal am Hals. Vielleicht erinnern einen Japaner deshalb so an Tauben. Seit gestern sitzt nun eine Taube den gesamten Vormittag hindurch im Unkraut des Blumenkastens, während die andere Taube ständig mit Zweiglein im Schnabel angeflogen kommt. Allerdings kann das mit dem Nestbau noch eine Weile dauern, vielleicht üben sie auch nur, denn die kuhlensitzende Taube drapiert das Zweiglein mal hierhin und mal dorthin, läßt es dabei aber meist wieder vier Stockwerke hinunterfallen. Seltsamerweise lassen sich die Turteltäubchen von mir überhaupt nicht mehr beeindrucken. Früher sind sie noch weggeflogen, wenn sie mich durch die Fensterscheibe hindurch haben näher kommen sehen, jetzt juckt es sie gar nicht mehr. Ich habe sogar mit dem Fingerknöchel gegen die Scheibe geklopft und sie haben sich nicht stören lassen. Im letzten Jahr hat es mir nicht viel Hausfrieden gebracht, als ich ihnen den Blumentopf vermiest hatte.

Ostern hat meine Laune auch nicht gerade gehoben. Meine Mutter wollte unbedingt ein Essen machen, obwohl ich ihr angeboten hatte, Essen zu bestellen. Da sie nicht mehr so fit ist, wollte sie aber, daß ich ihr vorher beim Tischdecken und Tragen helfe. Kein Problem! Als ich kam, waren schon andere da, sie ignorierte mich, keine Begrüßung, stattdessen meinte sie gleich, ich könne schon mal das und das machen. Danach erklärte sie mir erstmal, daß ich gammelig aussehe. Dann wurde ich weiter herumgeschickt, aber zum Abschied war ich wieder Luft. Sie ist direkt an mir vorbeigegangen, obwohl ich vor ihr stand. Ich kam mir vor wie so ein unsichtbarer Dienstbote oder so. Und heute ärgere ich mich darüber. Wunderliche alte Leute!
Die Piratenbadeenten sind nicht besonders gut angekommen, da ich erfuhr, daß mein Bruder schon eine ganze Sammlung besitzt, weil er die so liebt. Das wußte ich aber bisher gar nicht. Ich selbst bekam gleich ein Mehrfachpack mit Fruchtseccos, von denen ich bereits einige auf dem Küchenboden herumzustehen hatte. Jetzt stehen dort so viele Fruchtseccoflaschen, daß es bei mir aussieht wie bei einem Alkoholiker. Letztens bin ich beim Tanzen beinahe reingetreten.
Immerhin habe ich noch ein paar mehr Details über die Ahnen mütterlicherseits erfahren, zum Beispiel auch, daß ich einen Großonkel hatte, der Oberschachtmeister in Peenemünde für die Kleinbahn und die unterirdischen Bauten war und Werner von Braun kannte. Das ist mir völlig neu.

Heute nun waren es fast zwanzig Grad draußen und was passiert? Die erste Mücke schwirrt bei mir im Zimmer herum, es ist nicht zu fassen. Normalerweise, zumindest wenn der Winter richtig kalt ist, hat man die ja erst ab Juni. Irgendwie geht alles den Bach runter.

from ❀Tänzerin zwischen den Welten (...oder ein Blumenkind im Asphaltdschungel) https://ift.tt/2q4gYQW

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