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Sonntag, 6. Mai 2018

Die Zeit der alten Männer

Während der Dienstzeit meines Vaters als Pfarrer gehörte über einige Jahre hinweg zu seinen Aufgaben die Leitung eines Männer-Bibelkreises, von uns kurz "Männerkreis" genannt. Zu diesem Männerkreis gehörten, abgesehen von meinem Vater, ca. zehn Männer im Alter ab 70. Ich weiß nicht mehr genau, wie oft dieser Bibelkreis stattfand, ich vermute, es war einmal im Monat, aber wenn er stattfand, dann, bis auf einige Ausnahmen wie Weihnachtsfeiern, in unserer Wohnung. Ich als Kind hatte bei dem Männerkreis natürlich nichts zu suchen, aber da ich ebenfalls in der Wohnung wohnte, blieb es nicht aus, dass ich die alten Herrschaften ab und zu begrüßen musste und einige Male durfte ich auch zu besonderen Anlässen, wie sie z.B. eine Feuerzangenbowle darstellte, bei der Zusammenkunft teilnehmen. Eigentlich war ich darauf nicht wirklich sehr erpicht, aber die Feuerzangenbowle wollte ich mir nicht entgehen lassen, zumal diese doch höchst selten bei uns auf den Tisch kam. Genaugenommen kann ich mich nur an zwei bis drei Male erinnern. Überhaupt hatte ich mit alten Männern nicht viel am Hut, trotzdem wurde ich regelmäßig genötigt, bunte Weihnachtskarten aus Servietten für sie zu basteln, immerhin wurde ich durch diverse zugesteckte Tafeln West-Schokolade dafür entschädigt. Der Männerkreis bestand aus einem harten Kern, der regelmäßig teilnahm, und einigen, die nur sporadisch vorbeischauten und an die ich mich deshalb nicht mehr erinnern kann. Der harte Kern bestand zuerst aus dem "Leitwolf", der gleichzeitig der Jüngste war und noch dazu ein Clown - also kein echter Clown, aber eben immer zu Scherzen aufgelegt. Sein Sohn, ungefähr gleichaltrig mit mir und in meine Christenlehregruppe gehend, war ganz sein Vater und "Klassenkaspar". Heute ist er übrigens Konditor. Desweiteren gehörte zum harten Kern ein älterer Herr, der in seiner Wohnung wertvolles chinesisches Porzellan sammelte. Mein Vater nahm mich einmal zu einem Hausbesuch mit, außer Unmengen chinesischen Vasen gab es dort einen Porzellanchinesen gegenüber der Eingangstür, der mit dem Kopf nicken konnte, wenn man ihn anstubste. Es gibt ein Märchen von Andersen, das mich immer an diesen Porzellanchinesen erinnert, nämlich "Die Hirtin und der Schornsteinfeger".
Diese beiden Herren sind mir am stärksten in Erinnerung geblieben und ich kenne noch ihre Namen.
Der Bibelkreis war keineswegs so fromm, wie er sich anhört. Zwar wurden anfangs einige Bibelstellen und -sprüche vorgelesen, doch mit fortgeschrittenem Abend wurde es dann lustiger, es wurden Witze gerissen, geplaudert, Cocktails geschlürft, die mein Vater ab und zu mixte, oder es gab halt sogar mal eine Feuerzangenbowle. Irgendwann begann das Ende dieses Männerkreises. Es begann mit dem Abend, als einer der alten Herren schon krank bei uns ankam. Er klagte darüber, dass ihm nicht gut sei, auf der Couch sitzend übergab er sich und als schließlich der Notarzt kam und ihn abholte, verstarb er auf dem Weg ins Krankenhaus. Meine Eltern wunderten sich, dass er sich noch bis zu uns geschleppt hatte, denn es muss ihm vorher bereits nicht sehr gut gegangen sein. Natürlich habe ich davon nur aus ihren Erzählungen erfahren, denn ich lag zu dieser Zeit schon im Bett. Da mein Zimmer jedoch genau gegenüber der Wohnungstür lag, konnte ich an diesem Abend lange nicht einschlafen, weil es ständig klingelte, viele fremde Stimmen zu hören waren und es ein dauerndes Hin und Her zwischen Wohnzimmer und Eingangstür gab. Jetzt waren es nur noch neun. Der nächste war der alte Herr mit dem Porzellanchinesen. Er erhängte sich am Fensterkreuz seiner Wohnung. Meist hielt mein Vater auch die Beerdigung der Verblichenen ab, doch irgendwann gab es mehr Beerdigungen als Männerkreise. In dieser Weise ging es weiter, bis nur noch zwei übrig waren und der Männerkreis aufgelöst wurde. Immer mal wieder denke ich an die Zeit der alten Männer zurück.

Wenn ich es mir überlege, gab es in meinem Leben nur einen alten Mann, den ich wirklich sympathisch fand und das war mein Großvater väterlicherseits. Ich weiß nicht, warum ich ihn sympathisch fand, denn eigentlich hat er nie mit mir gesprochen, zumindest kann ich mich nicht daran erinnern. Dies lag zum einen wohl daran, dass ich spät geboren wurde und er früh starb, so dass dazwischen nur dreizehn Jahre lagen, in denen man sich aber nur alle zwei Jahre sah, da es weder meinen Großeltern, noch meinem Vater leichtfiel zu reisen, zum anderen hatte ich aber bereits in meinen ersten Erinnerungen an meinen Großvater den Eindruck, als hätte er eine gewisse Scheu vor mir, obwohl er selbst drei Kinder großgezogen hatte. Ich sehe ihn noch stumm auf dem Sofa in ihrer kleinen Stube sitzen, während ich mich auf dem Teppich mit der Spielkiste beschäftigte. Und auch als ich zwischen meinen Großeltern im großen Ehebett schlief, kann ich mich nicht erinnern, dass er etwas zu mir gesagt hätte. Nur dass er sehr kalte Füße hatte, worauf mich meine Großmutter lachend hinwies. Vielleicht war er ja schüchtern oder er interessierte sich nicht für Kinder. Oder vielleicht war es auch mein Neptun auf seiner Sonne und seinem Merkur, der mich für ihn nicht fassbar machte. Ich hatte aber nicht den Eindruck, dass er mich nicht mochte. Da ich als Kind ebenfalls sehr schüchtern war und nie fremde Erwachsene von alleine ansprach - fremd waren für mich fast alle außer meine Eltern - , kamen wir nie zusammen. Und trotzdem, selbst heute finde ich ihn auf Fotos noch sehr sympathisch und auf manchen von ihnen sehe ich außerdem eine andere, ausgelassene Seite an ihm, die ich nie persönlich kennengelernt habe. Ich berichtete bereits einmal, dass mein Großvater Gedichte geschrieben hat, zumindest bis zu seiner Heirat. Danach ist ihm das Dichten anscheinend vergangen. Mein Vater hat mir einmal das Heft mit seinen Gedichten gegeben und vor allem dieses eine, das im Refrain immer lautet: "Mein Mädchen hört ich singen", womit wahrscheinlich meine Großmutter gemeint ist, geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Auch mein Vater hat früher Gedichte geschrieben, zumindest behauptet er dies, ich habe aber noch nie eines von ihm gelesen. Irgendwie scheine ich die väterliche Linie meiner Familie weiterzuführen, während mein Bruder ganz nach der mütterlichen und weiblichen Seite kommt. So kann es gehen.  

1 Kommentar:

  1. Matthias Gerhards - Di, 07:26
    Eine wirklich schöne Erinnerung. Und auch schön erzählt. Ich habe die Kinder unseres Pfarrers immer beneidet, weil sie in einem Haus lebten, in dem immer was los war.
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    zuckerwattewolkenmond - Di, 10:08
    Na ja,
    ich weiß nicht, ob es eine schöne Erinnerung ist, aber stimmt - los war bei uns immer irgendwas.
    antworten - bearbeiten - löschen https://weltentanz.twoday.net/stories/3977981/#3984893
    Xchen - Di, 14:34
    Also im Haus unseres Pfarrers war nicht immer was los, doch meine Oma hat da geputzt und ich hab das Pfarrhaus immer sehr geliebt - den Pfarrer auch.

    Den Nachfolger, bei dem ich dann auch konfirmiert wurde, konnte ich hingegen nicht leiden - als er dann völlig ausflippte, in die Psychiatrie kam und bald darauf verstarb, war mir das ziemlich egal und ich hatte vor allem Bedauern mit seiner - damals schon Ex- Frau und den beiden Töchtern.

    Jetzt haben wir ne Pfarrerin, ebenfalls Single (meine Mam meint, die ist ev. lesbisch) und die muss cool sein - war schon 2x an ner Beerdigung, hab sie aber nicht gesehen, da ich im Kirchengemeindehausnabau sass wegen grossem Andrang - meine Mom ist STV-Kirchensiegrist und die 2 verstehen sich toll.
    antworten - löschen https://weltentanz.twoday.net/stories/3977981/#3988082

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