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Freitag, 27. Dezember 2019

Weihnachten an der Ostsee

Der Wetterbericht versprach die ganze Zeit über Regen, aber der kam doch nicht, bzw. nur mit kleinen Schauern zwischendurch. Auch windig war es fast gar nicht, doch bei Temperaturen um 5 Grad trotzdem kalt genug. Am Anreisetag ein erster Gang zur Steilküste und da für das Abendessen bereits immer um 17:30 h im Restaurant reserviert war, blieb für anderes keine Zeit, was bei dem Kohldampf, den man nach der Fahrt hat, aber ok ist. Außerdem wurde es eh ab 16 Uhr dunkel. Am Tag mußten wir uns noch schnell mit unseren Essenswünschen eintragen, denn man konnte jeweils zwischen zwei Vorspeisen, zwei Hauptgerichten und zwei Desserts wählen, mußte dies aber bereits bis zum Nachmittag schriftlich tun. Nach dem Abendessen entdeckten mein Bruder und ich den Billardraum, wo wir uns dann den Rest der Zeit und die restlichen Tage gnadenlose Duelle lieferten. Ich hatte zwar immer die längsten Züge mit bis zu drei Kugeln hintereinander, aber er hat zum Schluß gewonnen, marschierte zu seiner Frau und erzählte nasestolz, er hätte seine Schwester weggepustet. So so....
Heiligabend gingen wir zu einem Krippenspiel in der heimischen alten Feldsteinkirche. Ehrlich gesagt entlocken mir Krippenspiele und Predigten normalerweise eher ein Gähnen. Ich frage mich dann immer, warum man sich jedes Jahr aufs neue dieselbe Geschichte anschauen oder anhören muß, die man ja nun schon quasi bis zum Erbrechen gehört und gesehen hat. Und ich persönlich finde diese Weihnachtsgeschichte halt nur ganz nett, aber nicht sooo toll. Doch ich wurde angenehm überrascht, denn die Kinder, die dieses Krippenspiel einstudiert hatten, haben die Weihnachtsgeschichte auf ihre ganze eigene moderne Weise interpretiert und in den Dialogen dargestellt, so daß es Spaß gemacht hat, zuzuschauen. Noch besser war allerdings, daß die Predigt immer nur aus ein bis zwei vorgelesenen Sätzen bestand und es dann stets hieß: "Und jetzt singen wir das Lied Soundso, Strophe soundso bis Strophe soundso." So ging es die ganze Zeit, so daß wir eigentlich nur gesungen haben und das fand ich prima. Endlich Gelegenheit, mal wieder ausgiebig dem LAUTEN Singen zu frönen, statt langweilige Predigten zu hören. Ich schmetterte dann mit der Zeit, als ich mich eingesungen hatte, tatsächlich immer lauter und lauter, ohne Rücksicht auf die Leute um mich herum. Und die Lieder kenne ich ja eh zum großen Teil aus meiner Kinderchor-Zeit. Singen geht immer, vor allem wenn es laut sein darf!

Zum Weihnachtsbuffett gabe es erst ein Glas Sekt zum Empfang und später sogar noch Geschenke, allerdings erst nachdem der Weihnachtsmann wieder weg war. Der kam nämlich und verlangte auch wieder gemeinsames Singen von "Oh Tannenbaum" und ging danach herum, zu jedem einzelnen Tisch, um sich Gedichte anzuhören. Mein Bruder konnte ein dreizeiliges Scherzgedicht, wir andern konnten leider keine Weihnachtsgedichte. Mit Geschenken hatte ich diesmal gar nicht gerechnet, weil eigentlich die Reise bereits ein Geschenk gewesen ist, aber ich bekam trotzdem noch eine Tüte mit Stolle, Süßem, sowie Sanduhr-Teatimmer und vom Hotel erhielten alle eine Tüte mit Pralinen und einer kleinen Flasche Wein, sowie auf dem Platz lag bei jedem eine große "Goldmünze" mit Wappen und Usedom-Prägung. Es ist allerdings wahrscheinlich illusorisch, daß es sich dabei um echtes Gold handelt, denn so teuer war die Reise dann doch nicht. Außerdem hatten wir zum Empfang auf dem Zimmer einen großen Teller mit Schokolade, Keksen, Dominosteinen, Erdnüssen und zwei Mandarinen zu stehen. Schokolade ißt in unserer Familie allerdings fast niemand mehr, weshalb solche Geschenke meistens reihum wieder zu einem zurückkommen. Und auch auf dem Teller blieben die Schokolade und die Kekse zurück. Nur der Dominosteine erbarmte ich mich und die Erdnüsse habe ich für meine Vogel- und Eichhörnchengäste zuhause eingepackt. Über die Mandarinen stürzte ich mich allerdings, weil das Angebot an Gemüse sowohl im Restaurant als auch am Buffett eher dürftig war. Am Frühstücksbuffett gab es zwar ein bißchen Obst, aber ansonsten wurde man hauptsächlich mit Rührei, Speck, Bratwurst, Knackern, Pudding, Kuchen, Milchreis und Milchnudeln und jeder Menge Zucker-Cerealien beglückt. Und wenn das da alles so rumsteht und man nichts anderes bekommt, dann esse ich halt zum Frühstück auch Pudding, Kuchen, Speck und Bratwurst, schmeckt ja schließlich. Das Brot dagegen war leider kaum genießbar und sehr trocken. Das Essen im Restaurant abends hat zwar geschmeckt, aber auch dort geht man inzwischen dieser unsäglichen Sitte nach, vermutlich dem Massengeschmack geschuldet, daß die Fleischportionen riesig sind, aber man das Gemüse als kleine Nebenbeilage suchen muß. Man ißt das zwar dann, und es schmeckt auch, aber man merkt recht schnell, wie man vom vielen Zucker und dem fehlenden Gemüse einen richtig miesen Geschmack im Mund bekommt, der auch mit Zähneputzen nicht mehr weg geht, und man lechzt dann geradezu nach etwas Grünem, bzw. stürzt sich über die paar Mandarinen. Meinetwegen hätten sie uns einen Teller voll Mandarinen mit nur zwei Dominosteinen und zwei Keksen ins Zimmer stellen können, aber sowas macht ja niemand. Zuhause habe ich mir am Tag der Rückkehr erstmal einen großen Topf Grünkohl gekocht (allerdings aus einer Fertigpackung, aber selbst das ist bei Hieper auf Grün besser als gar nichts) und nur Kartoffeln dazu. Wenn man zu viel auf Zucker verzichtet und stattdessen sich immer mehr an den Geschmack von Gemüse und Wildkräutern gewöhnt, wird man vermutlich in den meisten Hotels und Restaurants nicht mehr froh.

Am ersten Weihnachtsfeiertag wurde meine Schwägerin von ihrer Familie "überrascht". Eigentlich hatte sie die Reise ja gebucht, weil sie keine Lust auf Weihnachtsstreß und ihre Familie hatte, aber die waren damit gar nicht einverstanden und sind tatsächlich mit dem Auto hochgefahren, vermutlich um ihr zu zeigen, daß sie sie so schnell nicht los wird. Zum Glück hatte aber die Enkelin geplaudert, so daß es nicht wirklich eine Überraschung war. Hätte ja auch völlig schiefgehen können, wenn wir gerade unterwegs gewesen wären. Doch nun hatte sie den Streß, daß sie schauen mußte, wo sie ihre hungrige Familie zwischendurch an einem Feiertag schnell verköstigen kann und die anderen waren ebenfalls beschäftigt oder hatten keine Lust, so daß ich alleine zu einer Weihnachtswanderung loszog. Zuerst lief ich oben den Waldwanderweg auf der Steilküste entlang, über einen Berg hinweg, bevor ich am Strand zurückging und dann noch ein wenig den Ort erkundete. An der abgebrochenen Seebrücke hatte sogar ein Kiosk offen und zwischendurch an der Strandpromenade bot ein kleines Restaurant Glühwein an und hatte große Feuerschüsseln draußen aufgestellt, so daß man sich mit einem Glühwein in den Strandkorb setzen und sich die Hände am Feuer wärmen konnte. Ich saß eine ganze Weile noch auf einer Bank an der Strandpromenade und wäre deshalb beinahe adoptiert worden. Es kamen nämlich eine nette Omi und ein netter Opi vorüber, die mir freundlich "Frohe Weihnachten!" wünschten. Ich bedankte mich und wünschte ebenfalls frohe Weihnachten, als sie bemerkten, ich säße hier so einsam und verlassen.  Ich erklärte, daß mir das Spaß mache und sie ließen sich überzeugen, daß ich einfach nur das Meeresrauschen genieße. Im Hotel schmierte ich das allerdings meiner Familie gleich auf das Butterbrot, daß ich beinahe von einer anderen Familie adoptiert worden wäre, weil ich am Weihnachtsfeiertag so alleine und verlassen an der Seepromenade saß.

Es gab dann auch noch die obligatorische Gänsekeule zu Weihnachten im Restaurant. An Heiligabend hatte ich beim Weihnachtsbuffett keine Gänsekeule genommen, sondern in Speck eingewickelten Heilbutt, der sehr lecker war. Dies zusammen mit Klößen, Rotkohl und der Soße vom geschmorten Rindfleisch. Und schon ist wieder einmal Weihnachten vorüber. Achso, eines vergaß ich noch. Ich glaube, ich weiß, wer der Weihnachtsmann war. Als wir einmal das Restaurant verließen, kam uns ein Angestellter vom Hotel entgegen, der uns freundlich grinsend grüßte, obwohl wir mit ihm noch nie etwas zu tun hatten. Und die Größe, die Statur, der leicht watschelnde Gang und die Augen - das kam mir alles doch irgendwie verdächtig bekannt vor.

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