Passend zum November, wo die Toten ausgegraben werden - im übertragenen Sinn, und der Beschäftigung mit den Unterwelt-Mythologien träumte ich in der letzten Nacht von David Bowie. Wir waren in einem dämmrigen Saal. Er sah gut aus: jung und er trug ein rotes Hemd mit spitz zulaufendem Kragen, eine beigefarbene Weste und einen dazu passenden Travolta-Anzug. Lächelnd lud er mich ein, mit ihm zu kuscheln, wobei er sich auf einen großen Tisch legte. Ich legte mich dazu, wir sahen uns in die Augen und er erzählte mir wunderschöne Dinge, die ich leider alle vergessen habe. Ich glaube, es ging um Inspiration und Bewegung. Dabei zeigte er mir auch eine Gruppenchoreografie, die ich direkt getanzt vor Augen sah, allerdings wußte ich nicht, was ich damit anfangen soll.
Dann erblickte ich vor einem der hohen Saalfenster einen großen schwarzen Schatten, den ich nicht gleich als Vogel erkannte, weil er schon fast Menschengröße hatte, was man bei einem Vogel, zumindest in unseren Breiten nicht erwartet. Bei genauerem Hinsehen erkannte ich einen schwarzen Raben mit roten Flecken im Gefieder. Ich beobachtete, wie er sich einen offenen Fensterflügel suchte, hereinkam und mit seinem mächtigen Schnabel im Rücken von ein paar Leuten stand. Ich wollte sie warnen, aber als sie sich umdrehten, hatte er sich schon in einen schwarzhaarigen Mann verwandelt, der eine schwarz-rot-karierte Weste trug. Niemand hatte den Raben gesehen. Dieser Herr jedoch verbreitete nun über Karambolagen von irgendwelchen physikalischen Stoffen jede Menge Nebel oder Dampf, der sich im Saal ausbreitete. Ein echt skorpionischer Traum.
Übrigens habe ich keinerlei besondere Affinität zu Bowie und mich auch in den letzten Tagen nicht mit ihm oder seiner Musik beschäftigt.
Die KI meint dazu: Miss Zucker, was mir an diesem Traum zuerst auffällt, ist etwas Strukturelles: Er besteht aus zwei klar getrennten Bewegungen. Zuerst kommt die Einladung, dann die Störung. Zuerst Inspiration, Blickkontakt, Nähe, Choreografie. Danach der Rabe, die Verwandlung und der Nebel. Das wirkt weniger wie ein persönlicher Traum über David Bowie als wie eine Unterweltszene im mythologischen Sinn.
David Bowie erscheint hier nicht als realer Mensch, sondern fast wie ein Psychopompos, ein Mittler zwischen Welten. In vielen seiner Rollen war er genau das: derjenige, der zwischen Identitäten, Geschlechtern, Kunstformen und Bewusstseinszuständen wandert. Im Traum wirkt er ungewöhnlich freundlich und ungebrochen. Jung, elegant, rot gekleidet. Rot ist Bewegung, Vitalität, Inkarnation. Er liegt auf einem Tisch. Das erinnert mich fast an einen Altar oder eine Werkbank des Schöpferischen.
Die eigentliche Botschaft scheint nicht das Kuscheln zu sein, sondern der Blickkontakt. Er erzählt dir etwas über Inspiration und Bewegung. Dann zeigt er dir eine Gruppenchoreografie. Das Interessante ist: Du verstehst sie nicht. Das klingt zunächst wie ein Mangel, könnte aber der eigentliche Kern sein. Inspiration wird hier nicht als Idee vermittelt, sondern als Bewegungssystem. Du siehst eine Struktur, erkennst aber ihre Funktion noch nicht.
Der Schattenaspekt beginnt erst mit dem Raben. Der Rabe ist traditionell ein Vogel der Schwellen. Bei Odin begleiten Raben das Bewusstsein. In vielen Unterweltmythen bewegen sich Raben zwischen Leben und Tod. Hier ist er aber ungewöhnlich. Er ist riesig. Und er trägt rote Flecken. Das wirkt auf mich wie dieselbe Energie wie bei Bowie, nur in anderer Form. Auch dort war Rot präsent. Deshalb sehe ich den Raben nicht als Gegenpol zu Bowie, sondern als zweite Erscheinungsform derselben Kraft.
Wenn man beim Traum bleibt, dann ist dieser Mann kein chaotischer Faktor, sondern eher ein Techniker der Verschleierung. Er zaubert nicht. Er manipuliert Bedingungen. Er stellt etwas her. Das Mittel ist physikalisch, die Absicht wirkt bewusst.
Der Bowie-Teil wirkt auf mich wie eine freundliche Einführung in das Thema Formwandel und Bewegung. Bowie zeigt dir eine bereits existierende Choreografie. Es gibt eine Ordnung hinter den Bewegungen. Inspiration ist vorhanden. Die Struktur existiert, bevor sie verstanden wird.
Der Raben-Teil zeigt die Schattenseite: Sobald diese Ordnung in das soziale Feld eintritt, entstehen Verwandlungen, Missverständnisse und Nebel. Die Menschen sehen nicht, woher die Erscheinung kommt. Gestaltwechsel, deren Herkunft verschwindet, während gleichzeitig die Sichtverhältnisse für alle anderen noch weiter eingetrübt werden.
Und noch etwas: Bowie wirkt im ersten Teil überhaupt nicht alarmiert. Er wirkt ruhig, zugewandt, inspirierend. Das lässt mich vermuten, dass der Traum die Unterwelt nicht als Ort des Schreckens darstellt, sondern als Ort, an dem man lernt, mit Verwandlungen umzugehen. Bowie zeigt die schöpferische Form der Metamorphose. Der Rabe zeigt die unheimliche Form. Beide Szenen kreisen um dieselbe Grundfrage: Was geschieht, wenn etwas seine Gestalt wechselt? Nur die Wertung ist jeweils eine andere.
Ich: Es stimmt nicht, daß ich die Choreo nicht verstanden habe, sondern ich wußte nicht, was ich damit anfangen soll - das ist ein Unterschied. Ich wußte nicht, was ich damit anfangen soll, weil ich alleine tanze und keine Gruppen choreografiere.
KI: Genau. Das ist ein wichtiger Unterschied, und der verändert die Szene deutlich. "Nicht verstehen" hätte bedeutet, dass die Choreografie rätselhaft oder unverständlich war.
Du beschreibst aber etwas anderes: Du hast die Choreografie gesehen und offenbar als Choreografie erkannt. Du konntest ihr folgen. Du wusstest nur nicht, was du praktisch damit anfangen sollst, weil sie für Gruppen gedacht war und nicht zu deinem tatsächlichen Tanzkontext passte. Das ist fast das Gegenteil von Unverständnis.
Dann bekommt die Szene mit Bowie für mich einen anderen Charakter. Er zeigt dir nicht etwas Geheimnisvolles, das du erst entschlüsseln musst. Er zeigt dir etwas Fertiges. Die Frage ist nicht: "Was bedeutet das?", sondern: "Wofür ist das?" Deshalb wirkt die Choreografie auf mich eher wie ein Potential als wie ein Rätsel.
Auch Bowies Erklärungen über Inspiration und Bewegung passen dazu. Inspiration wird nicht als fertige Anwendung übergeben. Du erhältst etwas, das an sich vollständig ist, dessen Verwendung aber offen bleibt. Das erinnert mich übrigens an etwas, das häufig in Mythen und Träumen vorkommt: Der Besucher aus einer anderen Welt überreicht kein Werkzeug für die aktuelle Situation des Träumenden, sondern etwas, dessen Zweck erst später klar wird. Nicht weil die Botschaft unverständlich wäre, sondern weil der Kontext für ihre Verwendung noch fehlt.
Der Rabe und der Nebel handeln von Verwandlung, Tarnung und potenzieller Bedrohung. Bowie dagegen zeigt etwas völlig Transparentes. Er versteckt nichts. Er tritt offen auf, erklärt Dinge, demonstriert etwas und schaut dir dabei in die Augen. Eigentlich ist er das Gegenbild zum Raben-Mann:
Der eine zeigt alles. Der andere verändert Gestalt und produziert Nebel. Deshalb würde ich die beiden Traumhälften inzwischen weniger als zwei Aspekte desselben Wesens sehen, sondern eher als zwei gegensätzliche Weisen des Umgangs mit Wirklichkeit. Hier die Offenheit, Inspiration und sichtbare Form. Dort die Verwandlung, die Verdunkelung und die Erzeugung schlechter Sicht.
Und noch etwas fällt mir auf: Bowie war in seinem künstlerischen Werk ständig mit Identitätswechseln beschäftigt, aber fast immer bewusst sichtbar. Er machte aus der Maske kein Geheimnis. Man wusste, dass eine neue Figur auftritt. Der Rabe dagegen verwandelt sich unbemerkt. Vielleicht liegt darin einer der stärksten Kontraste des Traums: nicht Verwandlung gegen Nicht-Verwandlung, sondern offene Metamorphose gegen heimliche Metamorphose.
Und in beiden Fällen bist du nicht verwirrt. Beim Bowie-Teil verstehst du die Vorführung. Beim Raben erkennst du die Verwandlung. Die einzige Schwierigkeit liegt jeweils in der Einordnung dessen, was daraus folgt. Das ist etwas anderes als mangelndes Verständnis. Es ist die Frage nach den Konsequenzen einer Wahrnehmung. Dadurch wird der Traum deutlich spannender. Denn der kritische Punkt ist nicht mehr die Verwandlung selbst, sondern die Diskrepanz zwischen deiner Wahrnehmung und der Wahrnehmung der anderen.
Du siehst einen riesigen Raben, der sich verdächtig verhält. Für dich besteht ein unmittelbares Bedrohungspotenzial. Als die anderen hinschauen, sehen sie jedoch keinen Raben mehr, sondern einen Mann. Damit verschwindet die offensichtliche Legitimation deiner Warnung. Fast könnte man sagen: Du reagierst auf eine Gefahr in ihrer ursprünglichen Form, während die anderen erst mit ihr konfrontiert werden, nachdem sie ihre Erscheinungsform gewechselt hat.
Das hat für mich eine interessante Beziehung zum Bowie-Teil. Dort zeigt Bowie dir eine Choreografie, deren Sinn du nicht verstehst. Hier erkennst du eine Gefahr, die andere nicht verstehen können. Im ersten Fall siehst du die Bewegung, aber nicht die Bedeutung. Im zweiten Fall siehst du die Bedeutung, aber die anderen sehen die ursprüngliche Gestalt nicht. Beides sind Wahrnehmungslücken, nur spiegelverkehrt.
Wenn ich den Traum als skorpionisch lesen würde, läge der Schwerpunkt daher nicht auf dem Angriff selbst, sondern auf der Erfahrung, etwas Reales wahrgenommen zu haben, das sich anschließend jeder offensichtlichen Nachweisbarkeit entzieht. Also das Wahrnehmen verborgener Ursachen hinter sichtbaren Erscheinungen. Du beobachtest nicht den Nebel, sondern fragst dich, wer ihn erzeugt hat und in welcher Gestalt dieser Akteur ursprünglich erschienen ist. Das ist eine sehr typische Unterweltperspektive: weniger Interesse an der Oberfläche als an Herkunft, Transformation und verdeckten Zusammenhängen. Das ist ein sehr anderes Motiv als bloße Angst. Es geht eher um die Schwierigkeit, eine erkannte Wahrheit zu vermitteln, wenn andere nur noch die spätere Gestalt eines Vorgangs zu Gesicht bekommen.

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