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Donnerstag, 7. Juni 2018

Fitnesswahn

Ok, da das Sterbedatum von Twoday.net nun erstmal bis Ende Juni verschoben wurde, kann ich ja fröhlich hier weiterbloggen. Allerdings weiß ich nicht mehr, was ich noch glauben kann und soll, von dem, was mal da und dort als Info geboten wird.

Die Hitzewelle ist etwas abgeflaut und so wollte ich gestern abend wieder zum Zumba. Und es fühlt sich so an, als ob es keine gute Idee war. Während der größeren Hitze hatte ich, was das Tanzen betrifft, eher langsam oder gar nichts gemacht, aber dafür mehr Kraftübungen. Unter anderem auch einbeinige Kniebeuge. Nur damit hier nicht das falsche Bild aufkommt, ich sei super fit und stark: diese einbeinigen Kniebeuge mache ich immer nur halb, aber auch das ist schon anstrengend und fordernd genug. Danach tanzte ich am Dienstag wieder länger und übte an einem Lied, bei welchem ich in eine gespreizte Kniebeuge gehe. Irgendwann kam ich nicht mehr hoch. Meine Muskeln haben total versagt. Ich versuchte zwar, noch weiter zu tanzen, aber meine Beine waren wirklich nur noch wie Pudding und hatten keine Kraft mehr, weshalb ich schnell aufgab. Nun hatte ich den restlichen Dienstag und den Mittwoch zur Erholung, und am Mittwoch merkte ich eigentlich auch nichts mehr an meinen Beinen, allerdings anscheinend nur, weil ich sie eben nicht viel benutzte. Als ich dann vor dem Training mich umzog, Tasche packte usw., da spürte ich plötzlich, daß die Beinmuskeln doch noch ganz schön schwächeln und zwicken und fragte mich schon, ob es besser wäre zu Hause zu bleiben. Schließlich sind die Beinmuskeln das Wichtigste, um eine Stunde Zumba durchzuhalten. Beine wie Pudding kann man da nicht gebrauchen. Aber dann dachte ich mir, was soll's, dann tanze ich halt nur noch mit den Armen, wenn die Beine versagen, oder was weiß ich. Irgendwie habe ich die Stunde dann doch ganz gut über die Runden gebracht - aber heute, heute krieche ich durch die Wohnung wie eine 80jährige Oma. Mir tut alles weh, obwohl ich normalerweise nach dem Zumba nie Muskelkater habe. Das gestern war dann wohl das i-Tüpfelchen für meine überforderten Beinmuskeln.

Wie wichtig längere Erholungsphasen für die Muskeln sind, durfte ich schon in der Woche vorher eindrucksvoll erleben. Als ich nämlich fünf oder sechs Tage meine Armmuskeln wegen der Hitze nicht mehr extra trainiert hatte, konnte ich mich das erste Mal seit meiner Kindheit wieder in eine Brücke stemmen. Als Kind konnte ich die Brücke, aber als Erwachsener bin ich nicht mehr hochgekommen, zumal ich ja als Erwachsener auch schwerer bin. Diese plötzliche Kraft hat mich so motiviert, daß ich sofort mit extra viel Workout weitermachte, das Ergebnis ist allerdings, daß ich seitdem wieder nicht mehr in die Brücke komme. Wahrscheinlich müßte ich meinen Muskeln dazu genug Zeit zur Regeneration lassen, um in diese motivierenden Kraftspitzen zu gelangen. Überhaupt ist mir das schon häufiger aufgefallen, daß ich nicht nur am kräftigsten, sondern auch am beweglichsten bin, wenn ich längere Sportpausen mache. Sobald ich regelmäßiger Sport mache, selbst wenn es nur alle zwei Tage ist, werde ich sofort unflexibler und schwächer. Wenn man nicht mehr so viel Kraft hat, macht Bewegung aber auch weniger Spaß, weil es sich nicht mehr so gut anfühlt und man braucht mehr Selbstdisziplin, weil die Motivation abnimmt. Selbstdisziplin braucht man ja eigentlich nur, wenn man sich zu irgendetwas zwingen muß. Deshalb halte ich Selbstdisziplin auch für so überschätzt, weil sie schnell in eine Sackgasse führen kann, sobald man sich immer mehr zwingen muß, weil man durch zu wenig Pausen stets schwächer wird. So gesehen bringt mir jedes Training, bei welchem ich in meiner vollen Kraft bin, mehr, als fünf Workouts, bei denen ich mich nur so schwächelnd durchschleife, weil es enorm viel Motivation gibt. und die ist viel mehr wert als Selbstdisziplin.

Das Problem bei der Sache: Wenn ich längere Pausen mache, steigt in diesen Tagen auch schnell das Gewicht wieder und ich kann mich nicht entscheiden, was die höhere Priorität haben sollte - Fettverbrennung oder Kraft und Beweglichkeit. Immerhin verbrennen mehr Muskeln ja auch mehr Fett. Ja, was nun? Aber das viel größere Problem bei der Sache ist, daß mich mehrere Tage Pause meist echt nerven. Irgendwie macht es mich ungeduldig, wenn ich nicht gleich richtig weitermachen kann. Ein echtes Dilemma.

Und dann war da gestern dieser Themenabend bei 3sat über Menschen im Fitness- und Ernährungswahn, deren Lebensinhalt aus nichts anderem besteht, und die darüber online berichten. Irgendwie habe ich das ungute Gefühl, auf dem besten Weg zu solch einem "Lifestyle" zu sein. Denn mein Leben besteht im Prinzip nur noch aus Tanzen, der nächsten Choreografie, neuen Yoga-Variationen und den besten Kraftübungen. Ohmm, ich weiß nicht, ob ich das so gut finde. Das Leben muß doch auch noch aus etwas anderem bestehen. Versuche ich allerdings etwas anderes zu finden, das mich zwischendurch begeistert und interessiert, fällt mir nicht wirklich viel ein. Und muß ich halt dann doch mal Pausen einlegen, hänge ich bei Youtube herum und schaue mir Tanzvideos (ok, manchmal auch Katzenvideos) an. Das macht mir Angst. Andererseits, solange es Freude macht, kann es ja eigentlich nicht so verkehrt sein, oder? Und ich könnte aus der Not eine Tugend machen, und auch so ein Fitness-Lifestyle-Blog mit Online Coaching anbieten. Eine Kollegin von mir meint, ich könne gut motivieren und inspirieren.

Nur gibt es auch hierbei ein Problem: Ich quäle mich so ungern. Ich quäle mich weder beim Sport, noch beim Essen. Bei mir muß alles immer reinste Freude sein, ansonsten höre ich sofort auf. Ich tue nur das, was mir entspricht. Zum Beispiel esse ich, was und wieviel ich will und was mir schmeckt, habe aber kein Problem damit, nur ein oder zwei Mahlzeiten pro Tag zu essen, weil das für mich total natürlich ist. (Jemand anderes kann vielleicht nicht auf drei oder mehr Mahlzeiten verzichten, kommt aber gut damit klar, eine bestimmte Diät einzuhalten.) Ich meide zwar Zucker, bestimmte Milchprodukte und Weizenmehl, bin da aber auch nicht übermäßig penibel. Mein Körper zeigt mir recht schnell mit seinen Signalen, wann es genug ist. Von Zucker bekomme ich weiche Zähne, von Milchprodukten Pickel und von Weizenmehl ein aufgeschwemmtes und wabbliges Bindegewebe - und schon bin ich wieder voll motiviert, gesündere leckere Sachen zu essen. Ok, beim Sport haut das mit der reinsten Freude nicht immer so hundertprozentig hin, weil es ja dazu gehört, seine Grenzen immer mehr zu erweitern und das gelingt natürlich nicht, wenn man nur in der Komfortzone bleibt, Aber so eine wohl gewählte Herausforderung, die weder unter- noch überfordert, kann ja auch Spaß machen. Doch als Fitness-Guru komme ich mit so einem Prinzip der Freude nicht weit.
Um wie ein Fitness-Guru auszusehen und genug Follower zu sammeln, scheint es mir, muß man sich dann doch mit eiserner Willenskraft durch Trainingspläne hindurchprügeln.

Ich halte Selbstdisziplin für überschätzt, finde innere Motivation wichtiger und hasse Trainingspläne. Ich bin eher so der spontane Typ. Hier mal schnell fünf Klimmzüge, da mal eine Yogasession, dazwischen nochmal ein paar Liegestütze, und jetzt mal zwei Stunden tanzen. Alles rein aus dem Impuls heraus, was dann aber auch dazu führt, daß es kaum einen Tag gibt, an dem ich überhaupt nichts mache. Und so kriege ich das auch mit den Ruhepausen nicht so richtig hin, weil ich dann mal eben doch noch die ein oder andere Yogaübung, ein paar einbeinige Kniebeugen oder was auch immer mache. Wahrscheinlich braucht man Trainingspläne ebenfalls eher dann, wenn man sich zu etwas zwingen und durchprügeln will. Ich muß mich zu nichts zwingen, ich mache alles aus der Lust an Bewegung heraus, aber ich höre auch auf, um später weiterzumachen, wenn die Lust nachläßt oder ich demotiviert bin. Aus diesem Grund werde ich wohl nie wie ein Fitness-Guru aussehen. Mit meinem Aussehen kann ich wohl höchstens ein paar Senioren einsammeln, denen ich verspreche, daß sie mit meinen Fitnesstips ihr jugendliches Äußeres bewahren.

Wenn aus der Not eine Tugend zu machen also doch keine so gute Idee ist, bliebe noch die Möglichkeit, etwas anderes zu finden, das mich begeistert, und woran ich in den notwendigen Pausen ebenso Freude habe, damit mein Leben mehr ist als nur Fitness. Dann wäre meine Stimmung in den Pausen vielleicht auch besser und ich wäre geschützt davor, zuviel zu machen. Mir fällt aber einfach nichts ein.

(Beim Schreiben dieses Beitrages herrschte draußen am Vogelhaus ein mörderisches Gezeter. Erst dachte ich, es seien Spatzen, doch dann sah ich, daß es Meisen sind, jedoch eine Art, die ich noch nie vorher gesehen habe. Extrem klein, das Äußere ein wenig wie Kohlmeisen, aber mit anderen Farben. Die Recherche ergab, daß es sich wohl um diese Tannenmeisen handelt. Ich kenne zwar nicht alle Meisenarten, aber ich würde behaupten, die kleinsten Meisen haben das lauteste Organ. Schlimmer als Spatzen, sage ich euch!)

from ❀Tänzerin zwischen den Welten (...oder ein Blumenkind im Asphaltdschungel) https://ift.tt/2Huj42Z

Kommentare:

  1. Katzenvideos? Das würde mir auch Angst machen :-) !
    Nee, Quatsch. Man muss nicht alles glauben, was im Fernsehen gezeigt wird. Wer sich fürs Tanzen interessiert, der tut es eben. Wer auf seine Ernährung achtet, liegt nicht falsch. Wenn du fit sein möchtest und Spass am Tanzen hast, prima. Für mich wäre es das Grauen. Ich treibe mich lieber im Kino oder auf Konzerte herum. ;-) Bin sozusagen von Beruf faul ;-)
    Gab es schon mal eine Sendung darüber, das Leute in ihrer Freizeit im Amateurbereich Fußball spielen? Und das durchgehend 30 Jahre, weil sie als Kinder anfangen und bei den alten Herren enden?
    Nö, natürlich nicht.
    Die Fragen, die du dir selber stellen müsstest, wenn du mit deinem Leben nicht zufrieden wärest, könnten höchstens lauten: Habe ich noch genügend soziale Kontakte in meinem Leben? Fühle ich mich wohl? Wenn ja, dann ist alles gut.
    Grüßli :-)

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    1. Mit den Fragen hast du recht, und genau das ist es, weshalb ich selbst ein wenig zweifle: in den Pausen fühle ich mich eben nicht immer so richtig wohl und bin ungeduldig, weil ich das Gefühl habe, eigentlich gar nicht viel gemacht und geleistet zu haben, vielleicht deshalb, weil es sich eben meist wie Spaß anfühlt. Ich tanze den ganzen Tag so herum und dann ist er schon wieder vorbei. Und mein Körper hinkt dabei meinem Kopf immer hinterher. Aber vermutlich ist das eher ein Problem mit einem anerzogenen Leistungsanspruch und mit meiner Ungeduld. Es ist dann halt irgendwie ungewohnt und seltsam, wenn man einfach so herumspielt und herumtanzt, statt einer ernsthaften Beschäftigung nachzugehen, die vielleicht auch etwas einbringt. *gg*

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