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Dienstag, 25. Dezember 2018

Schwanensee meets West Side Story

Gestern nacht wurde auf ein, wie mir erst schien, modernes Tanztheater aufmerksam, dessen Aufzeichnung auf arte lief. Als ich allerdings mal genauer auf die Musik hörte, wußte ich, daß ich die Musik aus einem sehr bekannten Ballett kenne, und wenn mir Ballettmusik bekannt vorkommt, kann es sich eigentlich nur um Schwanensee oder den Nußknacker handeln. Weihnachtlich oder "nußknackerlich" sah die Inszenierung aber gar nicht aus. Doch auch nicht nach Schwanensee. Weder wurde auf Spitze getanzt (erst viel später bei relativ seltenen Gelegenheiten), noch sah man weiße Tutus. Im Gegenteil - die Tänzer auf der Bühne sahen alle aus, wie frisch aus der West Side Story entsprungen und tanzten auch mehr dementsprechend, also ziemlich modern und anders als man es bei Schwanensee gewohnt wäre. Das beschäftigte mich so, daß ich dann doch mal neugierig nachschaute, was das für ein Fernsehprogramm ist, und stellte fest, daß es sich tatsächlich um Schwanensee handelt, nämlich in einer Inszenierung Martin Schläpfers, künstlerischer Direktor und Chefchoreograf des Ballett am Rhein. Aha, so so, aber jetzt war ich doch gespannt, ob mir irgendwann noch mal ein Schwan über den Bildschirm flattern würde oder ob die ebenfalls alle in grauem Proletarieroutfit dargestellt werden. Und tatsächlich gab es ein paar weiße Schwäne, die ab und an über die Bühne huschten, sich aber ihrer Schwanenfedern schnell wieder entledigten. Die Hauptparts wurden jedoch immer im schlichten Hängerchen getanzt.

Die Story von Schwanensee habe ich ja noch nie so richtig begriffen. Nachdem ich mich aber mal bei Wikipedia schlau gemacht habe, kann ich wohl davon ausgehen, daß ich nicht zu blöd für die Handlung bin, sondern daß es daran liegt, daß sie einfach so beliebig ist: "Odette stürzt sich in die Flut, um Siegfried zu retten. Abhängig von der Inszenierung stirbt entweder einer von beiden (Siegfried oder Odette), oder beide sterben, oder beide leben glücklich bis an ihr Lebensende."
Genauso beliebig wie die Story war auch diese Aufführung mit den unscheinbaren Kostümen, dem schlichten und dunklen Bühnenbild und dem geplant "unkorrekten" Tanzstil. Denn nicht nur wurde auf Spitze nur in homöopathischen Dosen getanzt, bei vielen Tanzbewegungen waren die Füße sogar geflext statt gestreckt, was das ganze mehr expressionistisch und modern machte. Dazu kam noch eine seltsame Beleuchtung, welche die Haut der Tänzer teilweise grün aussehen ließ.
Während also normalerweise ein Ballett, welches schon tausendfach inszeniert wurde, mit Ästhetik und Perfektion punktet, mutet das hier wie eine bewußte Gegeninszenierung an, unästhetisch und unperfekt, dafür aber überraschend und rebellisch, was durch diese Proletarierkostüme noch irgendwie unterstrichen wird.
Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob ich, wenn ich das Stück ohne jedes "fachliche" Interesse gesehen hätte, also als ein unbedarfter Zuschauer, mich nicht schnell gelangweilt hätte. Wahrscheinlich hätte ich relativ bald umgeschaltet, weil es mir zu grau und zu eintönig gewesen wäre.

Was mich aber ganz sicher auch unbedarft gefesselt hätte: Ich bin überhaupt kein Harry Potter-Fan und kann den Hype um Harry Potter nicht wirklich nachvollziehen, doch hätte man mir Harry Potter auf diese Weise nahegebracht, würde ich zu Harry Potter jetzt vermutlich ganz anders stehen. Eine grandiose Show und eine mitreißende Choreografie.



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