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Sonntag, 24. Mai 2020

Der Deutschunterricht-Alptraum

In der ersten halben Nacht lernte ich ein Gedicht, Zeile für Zeile prägte ich es mir ein. Es kam mir vor wie Stunden, die ich lernte, aber man weiß ja, daß das Zeitempfinden in Träumen immer ein wenig täuscht. Trotzdem empfand ich es als viel Zeit, weshalb ich mir auch absolut sicher war, daß ich das Gedicht nun kann, als ich mich in den Raum für den Deutschunterricht begab, in welchem ich eine Gedicht-Präsentation halten sollte. Die Tische in U-Form angeordnet saß ich ganz vorne mit einem ehemaligen Mitschüler aus der Polytechnischen, den ich irgendwie in die Präsentation mit eingespannt hatte, vielleicht einfach, weil er mein Sitznachbar war, während die Deutschlehrerin eher wie meine Deutschlehrerin aus dem Abitur wirkte. Und auch die Mitschülerin auf der anderen Seite ganz vorne neben mir, war eine Mitschülerin aus dem Abitur. Obwohl ich mir eigentlich abnsolut sicher bin, daß ich das Gedicht drauf habe, merke ich doch, daß ich mich irgendwie nicht mehr so richtig an die einzelnen Zeilen erinnern kann. Allerdings ist das mehr so unterschwellig und ohne daß ich großartig versuche, mich zu erinnern. Deshalb bin ich immer noch überzeugt davon, sobald ich mich ganz auf das Vorsprechen konzentriere, wird mir auch alles wieder einfallen. Trotzdem denke ich mir, kann es nicht schaden, wenn ich das Lesebuch mit dem Gedicht auf der Seite aufschlage, damit ich notfalls mal schnell draufschauen kann. Ich meine mich zu erinnern, daß es auf einer Seite Fünfhundertnochwas steht, aber soviel ich auch blättere und suche, ich kann es einfach nicht finden. Ich frage deshalb ständig meinen Sitznachbarn, der ebenfalls fleißig mitsucht und irgendwann haben wir es. Ich lege das Buch aufgeschlagen an dieser Stelle vor mich hin, doch während ich noch herumräume, passiert es, daß das Buch wieder zusammenklappt und ich erneut anfange zu suchen. Schließlich hat mein Sitznachbar die vermeindlich richtige Seite gefunden und aufgeschlagen, da beginnt auch schon der Unterricht.

Auf einem Stuhl setze ich mich vor die Klasse und nehme gleich das aufgeschlagene Buch mit in die Hand, denn von der ganzen Sucherei und Auffregung habe ich das Gefühl, daß mein Kopf total leer ist und ich wohl doch ablesen muß. Allerdings bin ich noch zuversichtlich, daß mir der Rest wieder einfällt, sobald ich erstmal angefangen habe zu lesen. Also beginne ich vorzulesen - zuerst mit der Überschrift - muß aber fast sofort wieder innehalten und warten, weil die Deutschlehrerin die ganze Zeit mit jemandem quasselt. Und das finde ich doch sehr störend beim Vorlesen. Und so schweige ich und warte, bis die Deutschlehrerin merkt, daß sie stört und ich vorlesen möchte, als sei ich die Lehrerin und sie ein unaufmerksamer Schüler. Schließlich habe ich ihre Aufmerksamkeit und lese weiter. Doch was ist das? Schon bei der ersten Zeile habe ich das Gefühl, daß ich ein ganz falsches Gedicht vorlese, also die verkehrte Seite aufgeschlagen ist. Upps, ich entschuldige mich, "falsche Seite" und fange erneut an im Buch umherzuirren und nach dem Gedicht zu suchen. Scherzhaft sage ich dabei noch etwas frech zur Mitschülerin an meiner anderen Seite: "Wir hätten Poetry-Slam machen sollen!"  Während ich blättere und blättere, unterbricht mich die Deutschlehrerin und beginnt damit, daß es ja wohl keinen Sinn hätte. Ich weiß irgendwie gleich, was sie weiter sagen will, nämlich daß es ja wohl keinen Sinn hätte, da ich nicht gelernt hätte und nicht vorbereitet bin, weshalb ich sie sofort unterbreche: "Aber ich kann das Gedicht!" Doch sie beharrt darauf, die Sache abzubrechen und fährt nun fort, andere Dinge an meinen Leistungen zu bemängeln, z.B. meine fehlenden Quellenangaben. Hä, was für Quellenangaben, frage ich. Na zu meinen Artikeln. Hä, was denn für Artikel? Ich bin komplett verwirrt, denn ich habe nie irgendwelche Artikel geschrieben, was ich ihr auch sage. Doch sie geht darauf nicht weiter ein und innerlich frage ich mich, ob diese Zensur jetzt sich wohl sehr auf mein Zeugnis auswirken wird. Ich erinnere mich außerdem, daß ich, nachdem ich das Gedicht gelernt hatte, sehr von persönlichen Belastungen und anderem Stress abgelenkt war, was vielleicht mein Gedächtnis und meine Konzentration beeinträchtigt hat. Auch dies führe ich ins Feld. Und während ich bereits aufwache, bestehe ich weiterhin darauf: "Aber ich kann das Gedicht!"

Normalerweise ist man ja nach dem Erwachen aus solch einem Traum eher erleichtert, aber diesmal war ich stattdessen richtig verärgert. Denn ich weiß ja, daß ich die halbe Nacht das blöde Gedicht gelernt habe, aber nun anscheinend ohne daß dies jemand anerkennt oder überhaupt nur sieht. Also völlig umsonst! Da hätte ich in dieser Zeit auch gut etwas anderes träumen können! Etwas sehr viel Schöneres. Wer will schon die halbe Nacht ein Gedicht lernen für nichts?

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