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Sonntag, 16. Januar 2022

Das Kissen

Es war einmal ein Kissen. Das lag in einem mächtig großen Warenhaus inmitten von Regalen. Jeden Tag gab es dort viel zu sehen, doch kaum hatte es sich ein wenig mit den anderen Kissen angefreundet, die um es herum kicherten und schwatzten, kam eine Dame, kaufte es und packte es in eine Tüte. "Was für ein herrlich flauschiges Kissen!", hatte sie gesagt. "Flauschigeres habe ich noch niemals erlebt." Das Kissen freute sich natürlich über das Lob und nahm nach einer etwas holprigen Fahrt mit einem vierrädrigem Gefährt stolz seinen Platz auf einem Sofa ein. "Sicher werden mich hier auf dieser Tribüne jetzt alle bewundern! Seht mich an, wie schön flauschig ich bin!" Doch schon nach wenigen Tagen wurde es trübsinnig. Zwar hatte sich jeder anfangs kurz über den herrlich weichen Flausch gefreut, doch das Kissen danach mit seinem Popo oder Busen platt gemacht, manchmal auch seinen zotteligen Kopf darauf herumgewälzt. Umhergeworfen wurde es ebenfalls achtlos. So ging das tagein und tagaus, vom Flausch war keine Rede mehr. "Puh", dachte das Kissen, "das ist ja nicht auszuhalten! Im Warenhaus war es viel schöner, da konnte ich mich wenigstens mit anderen Kissen unterhalten und wurde anständig behandelt." Woche um Woche verging, Monat um Monat, und der Flausch hatte schon deutlich Federn gelassen. "Ich werde hier versauern, bis nichts mehr von meinem schönen Flausch übrig ist. Und alle schauen mich bloß noch mit dem A... an!" Traurig ließ es seine Ohren hängen. Eines Tages dann das große Malheur - eine Tasse Kaffee hatte sich verselbständigt und einen unschönen braunen Fleck auf dem Flausch hinterlassen. Die Dame, die das Kissen gekauft hatte, schimpfte erst, rubbelte dann stundenlang am Kissen herum, bis es sich ganz geplättet fühlte, und schmiß es schließlich in eine Tüte. "Oh", dachte das Kissen furchtsam, "darf ich jetzt nicht mehr auf die Couch? So schlecht war es dort ja doch gar nicht." 

Es lag eine Weile in der dunklen Tüte herum, fühlte sich herumgetragen, es machte "Quietsch" und gab einen Plumps. Die Dame hatte es in einen Sammelcontainer gegeben. Dort mußte es weiter ausharren, bis es endlich wieder an das Licht der Welt gezerrt wurde. Eine neue Dame hatte dies getan, die eifrig Textilien aus einer Unzahl von Säcken sortierte. Sie hatte es erst einmal nur liegen gelassen und war mit anderen Sachen beschäftigt, die sie entweder zusammenlegte oder aber in einen großen Pappkarton warf. Um das Kissen herum lagen Pullover, Kleider, Hosen, oder auch völlig undefinierbare Textilien, die untereinander wisperten und tuschelten. Auch ihm wurde bald zugemunkelt, daß der Pappkarton auf die Reise zu einem schrecklichen Drachen geht, der alles, was darin ist, frißt und zu Brei zerkaut. Da begann das arme Kissen wie Espenlaub zu zittern, denn es hatte bereits mitbekommen, daß die eher schäbigen Stücke dort landeten. "So befleckt wie ich bin habe ich doch gar keine Chance" kreiselte die böse Vorahnung in ihm. 

Langsam leerte sich der Tisch um es herum. Das Kissen blieb tatsächlich als letztes übrig und merkte, daß die Sortiererin es etwas ratlos anschaute. "So einen herrlich weichen Flausch habe ich noch niemals erlebt. Schade darum." Ergeben wartete es darauf, im Pappkarton zu landen, erinnerte sich an seinen kurzen Triumph und die Enttäuschung, die darauf gefolgt war. Das war also sein Leben gewesen. Dann nahm es erstaunt zur Kenntnis, daß die Sortiererin es in eine Schürze gewickelt hatte und damit hinauspazierte. Sie warf es in eine dunkle Kammer, wo es gefühlt wochenlang ausharrte und sich ständig die anmaßend zischelnden Drohungen eines Bügeleisens anhören mußte: "Ich bügel dich! Ich bügel dich!" "Ich bin bügelfrei!" motzte es zurück. Irgendwann, als es schon nicht mehr daran glaubte, befasste sich die Sortiererin neuerlich mit ihm. Sie kam mit einem großen Ungetüm von Schere, so daß ihm ganz mulmig wurde, und schnipp schnapp wurde die Schere eingesetzt. Doch das Kissen verspürte schnell keine Angst mehr, weil das alles so sorgsam und liebevoll geschah. Selbst als ihm die Eingeweide entnommen wurden, spürte es nur Neugierde. Nachdem sie geschnitten und gesteckt hatte, legte sie es unter eine wilde Nadel, die es stichelnd wie der Sausewind unter sich herumjagte. Zum Glück gab es zwischendurch Pausen, wo es zurück in die Kammer durfte, sonst wäre ihm ganz schwindlig geworden.

Schließlich sah die Näherin es lächelnd an und sagte: "So, jetzt bekommst du noch zwei schöne Augen und dann bist du ein Kuscheltier!"  "Ah, ein Kuscheltier also!" Das Kissen wußte noch nicht so richtig, was das eigentlich bedeutete, hatte aber das Gefühl, daß es etwas Gutes sei. Eines Abends bekam es sogar noch eine rote Schleife um den Hals und wurde in eine Pappschachtel gesteckt. Nach seiner traumatischen Erfahrung mit einem anderen Pappkarton fühle es sich darin etwas unwohl, spürte aber dennoch ein unbekanntes Vertrauen. Durch die dünnen Wände bekam es seltsame betriebsame Aktivitäten mit. Der Duft von Braten und anderen süßen, ihm unbekannten Gerüchen, machte sich im Karton breit. Kinderlachen, Glockengebimmel, Tellerklappern, hektische Rufe. Endlich, endlich, blendete es ein helles Licht. Kurz war es so geblendet, daß es gar nichts erkennen konnte. Als es wieder etwas sah, war es sich nicht sicher, was heller leuchtete - der über und über mit Lichtern geschmückte Baum, unter welchem es lag, oder die glänzenden Augen des kleinen Mädchens, daß sich über es beugte. Doch es hatte gar nicht lange Zeit, darüber nachzudenken, denn schon wurde es aus dem Karton gerissen und geknuddelt, geherzt und gedrückt, daß ihm glatt die Luft wegblieb. Bald kamen andere neugierige Gesichter und Hände dazu, die einhellig und anerkennend bekundeten: "Einen herrlicheren Flausch habe ich noch niemals erlebt." Niemand wußte so richtig, was für ein Tier das Kuscheltier eigentlich darstellen sollte, aber das war sowieso völlig unwichtig. Vom vielen Drücken und Herzen wurde dem Kissen, äh Kuscheltier, bald etwas schwummrig. "Ein Kuscheltier zu sein ist aber auch nicht einfach" dachte es bei sich, - "und trotzdem so viel schöner!" Dabei funkelten seine neuen Knopfaugen wie frisch geputzt. Und wenn es nicht zu Tode geknuddelt wurde, dann lebt es so noch heute. 

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