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Montag, 13. Juni 2022

Im Kern des Reaktors

Nachdem durch die EU Atomkraft für grün deklariert wurde und somit wieder subventioniert wird, hat arte erneut eine gute Doku rausgehauen, die sich mit den Erfahrungen Frankreichs mit der Atomkraft befaßt. Und noch einige andere interessante Dokus liefen in den vergangenen Wochen. Ich habe erst vor kurzem gelesen, >>daß Bill Gates jetzt auch in Atomenergie macht, also Atomkraftwerke baut, und Atomenergie für saubere Energie hält. Ist jetzt gar nicht so neu, mir aber entgangen. Da fällt es mir natürlich wie Schuppen von den Augen, warum die EU die bisherige Einschätzung plötzlich ändert.

Was davon zu halten ist zeigt die Doku "Atomkraft - Die grüne Zukunft":  

https://youtu.be/LrWgP4tUHfg

Darin geht es zum Beispiel auch um giftige Emissionen im Trinkwasser allein schon durch funktionierende Atomkraftwerke (ab Minute 36). Was passiert, wenn ein Reaktorunfall mal die Trinkwasserreservoirs eines Landes so kontaminiert, daß sie nicht mehr zu gebrauchen sind, möchte man sich gar nicht vorstellen. Dann könnte in der Tat ein Science-Fiction-Szenario real werden, in welchem künftig Kriege um Trinkwasser geführt werden. Und Deutschland ist dann mitnichten auf der sicheren Seite, selbst wenn es am Atomstopp festhält, denn dadurch würde es zum größten "Objekt der Begierde" werden. In der Doku heißt es: "Die Atomkraft wird das Klima nicht retten, aber vielleicht rettet das Klima die Atomkraft." 

Und auch die Doku "Grenzen der Wissenschaft", in der es ebenfalls um Atomkraft geht, ist interessant: https://www.zdf.de/dokumentation/zdfinfo-doku/grenzen-der-wissenschaft-von-atomkraft-bis-contergan--100.html

Atomkraft ist eine völlig andere Hausnummer als jede sonstige Form der Energieerzeugung, weil sie das größte Potential hat, unsere gesamten Lebensgrundlagen komplett lebensfeindlich zu verändern, und zwar in viel höherem Maße als der Klimawandel. Stellt man mal beide Worst-Case-Szenarios nebeneinander, muß man feststellen, daß bei einem atomaren Super-GAU die Kontamination aller Lebensressourcen, inklusive der Meere, die ja jetzt auch schon erfolgt, nur durch unendlich viel Zeit wieder rückgängig zu machen ist, die aber eine Generation Menschen nicht hat. Dagegen kennt die Menschheit einiges an Technologien, um sich zumindest teilweise vor den Folgen des Klimawandels zu schützen. Zugegeben: Die Vorstellung in einer klimaisolierten Festung dahinzuvegetieren ist alles andere als erstrebenswert, aber zumindest gibt es dann noch Trinkwasser und ein paar unverseuchte Pflanzen und Tiere, die sich dem Klima angepaßt haben. Von daher kann ich die plötzliche Verharmlosung der Atomkraft nicht nachvollziehen.

Wenn man inzwischen darüber nachdenkt, den Kohleausstieg zu verschieben, finde ich das dagegen mehr als vernünftig. Denn warum sollte ein Land seine eigenen Bodenressourcen nicht nutzen, nur weil es gerade das Pech hat, daß es Kohle ist? Würden andere Länder darauf verzichten, Erdöl oder Erdgas zu fördern, weil das die Umwelt beeinträchtigt? Ich glaube kaum. Der Ausstieg aus der Kohle ist ja sowieso schon durch die natürlichen Grenzen des Vorkommens programmiert. Darauf muß man vorbereitet sein. Aber es ist Unsinn, bei der CO2-Reduzierung und gemeinsamen Klimazielen alle Länder über einen Kamm zu scheren und Ländern, deren Ressource aus Kohle besteht, den schwarzen Peter zuzuschieben, sich vollkommen von anderen abhängig zu machen. Das ist genau dieselbe Gleichmacherei, die zur Zeit gerne bei Menschen geschieht, indem physiologische Unterschiede, individuelle Bedürfnisse, individuelle Lebensentwürfe und unterschiedliche vorhandene Ressourcen einfach ignoriert werden, damit alle möglichst gleichgeschaltet das machen, was ein Teil der Menschen für richtig hält. Menschen sind nicht gleich und Länder sind nicht gleich, aber trotzdem sollte jeder ein Recht auf gleiche Chancen haben. (Gleichberechtigung ist eben keine Gleichmacherei. Es sagt ja schon der Name, daß es darum geht, daß jeder die gleichen Rechte in der Gesellschaft hat und für die grundlegenden Bedürfnisse von jedem gesorgt wird, eben auch dann, wenn er NICHT gleich ist. Wenn alle gleich wären, bräuchte es gar keine Diskussionen um Gleichberechtigung. Gleichmacherei bedeutet dagegen das Gegenteil, weil dabei immer das Recht eines Teils der Menschen auf einen eigenen Lebensentwurf geopfert wird.)

Am meisten stört mich aber in dieser ganzen Klimadebatte, daß zwar jeder nach Technologie schreit, aber kaum jemand mal dafür sorgt, >>daß unsere natürlichen Kraftwerke, die aus CO2 lebensnotwendigen Sauerstoff herstellen, nämlich die Bäume und Wälder, ausreichend geschützt werden. Stattdessen wundert man sich darüber, daß der CO2-Gehalt der Luft immer höher wird, während munter weiter abgeholzt wird >>und das oft einfach, um aus der Verbrennung von Holz Energie zu gewinnen, was sogar noch mehr CO2 freisetzt als Kohle. Das erinnert mich fast an diverse Gesundheits- und Impfstatistiken, wo man die Zusammenhänge lieber ausblendet und nicht genau hinschauen möchte. Ich finde, der Schutz des Waldes sollte oberste Priorität haben, sogar noch mehr Priorität als Windkraft, denn so einen Wald kann man nicht eben mal schnell aufbauen. Es dauert Jahrzehnte bis er gewachsen ist. Auch wenn man rein aktionistisch und ohne wirkliche Abwägung Wälder für Windkraft abholzt, dann verschiebt man im Prinzip unser Problem des Raubbaus durch Überproduktion, wachstumsorientierte Wirtschaft und Konsum einfach an eine andere Stelle im Kreislauf. Genauso eine Verschiebung ist es, Verbrennungsmotoren zu verbieten und nur noch E-Autos zuzulassen, denn dann ist zwar weniger CO2 in der Luft, aber um den erhöhten Strombedarf sicherzustellen, wird wieder das nächste Wald-Kraftwerk abgeholzt. Mal ganz abgesehen was für eine Rohstoffverschwendung es darstellt, wenn die gesamten Verbrenner verschrottet werden, und alle durch die Produktion von neuen E-Autos mit besonders "rohstoffgierigen" Batterien ersetzt werden sollen. Das Problem hin- und herzuschieben ist nichts weiter als Augenwischerei. Nur will halt noch immer niemand auf Wachstum verzichten. Das passiert wahrscheinlich erst, wenn wir dazu gezwungen werden, weil nichts mehr da ist, was sich zu Profit verpulvern läßt. Wo bleiben die autofreien Innenstädte? Das Tempolimit? Ein besseres Angebot an öffentlichem Nahverkehr, eines, das wirklich überzeugt? Bei der heutigen Politik hat man den Eindruck, daß gar nicht das Klima gerettet werden soll, sondern stattdessen die Wirtschaft davor gerettet werden soll, sich tatsächlich grundlegend zu verändern, und zwar nicht ausschließlich durch neue Technologien. Diese bedeuten ja nur, daß man den Konsum, die Überproduktion und damit den Raubbau an Rohstoffen und den Profit weiter fördert, in der Hoffnung, daß es eine Weile länger gut geht. 

In der ersten Doku wurde auch das Kernkraftwerk Greifswald erwähnt und mir fiel wieder die Führung ein, die ich dort mal mitgemacht habe. Damals bin ich bei der Urlaubsberichterstattung irgendwie abgestorben. Aber ich habe jetzt endlich alle Fotos in einem Album online gestellt. Das Kernkraftwerk Greifswald ist übrigens der gleiche Bautyp wie Tschernobyl, aber läuft natürlich nicht mehr. Deshalb kann man dort jetzt als Besucher bis zum Reaktorkern vordringen.>>Die Besichtigung des Block Sechs ist deshalb unbedenklich, weil er nie mit radioaktiven Elementen beladen war. 

Und faszinierend ist es schon, sich so ein Kernkraftwerk mal von innen anzuschauen. Auf dem ersten Bild sieht man die Luke, die zum Reaktorkern führt. Diese geht durch meterdicken Beton, deshalb muß man dort hindurchkriechen, um direkt bis an den Reaktorkern zu gelangen. Man sieht ganz hinten jemanden sitzen und fotografieren. Ich selbst habe mir es erspart, dort hindurchzurobben und nur durch die Luke fotografiert. 

Zugang zum Reaktorkern

Blick auf den Reaktorkern

Kernkraftwerk Greifswald

1 Kommentar:

  1. Habe gerade gelesen, daß nur Neuwagen mit Verbrenner verboten werden, aber alte Wagen mit Verbrenner weiterfahren dürfen. Ok, das macht mehr Sinn, wenn es denn so ist.

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