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Montag, 29. August 2022

Atemlose Action und Familiensagen

Wenn man unseren Kindergarten im Bundestag gerade verfolgt - der eine bockt und kann sich an nichts erinnern, der nächste will alles für sich alleine und seine Freunde haben, der dritte erzählt ständig Horrorgeschichten und Lügen, um Aufmerksamkeit zu bekommen, aber Marco will Karl nicht die epidemische Notlage von nationaler Tragweite zum Spielen geben, der vierte sitzt verstört in der Ecke, weil er nicht wußte, daß Wirtschaftspolitik so kompliziert ist, wieder eine hat schlimme Albträume von einer mehrheitlich rechtsradikalen Bevölkerung, eine weitere redet mit niemandem, der böse ist - erscheint es angesichts dieses sich anhäufenden Versagens und der immer abstruseren Ausreden wie ein Thriller dessen Spannung sich unaufhörlich steigert. Ich komme gar nicht mehr mit dem Popcorn hinterher. Fast jeden Tag gibt es neue irrsinnige Wendungen. 

Gestern z.B. konnte man erfahren, >>daß man sich im Wirtschaftministerium die Verordnung zur Gasumlage hat quasi von den Konzernen diktieren lassen. Omg! Unterschreibt Herr Habeck auch bei jedem Vertreter, der vor seiner Tür steht und an seine Provision denkt, während er Spenden-Abos, Versicherungen oder sonstiges verkauft, sofort einen Vertrag? Allerdings bin ich mir gar nicht so sicher, ob das wirklich nur Unfähigkeit ist. >>Schließlich wollten die Grünen ja mal Einfamilienhäuser verbieten lassen. Die Diskussion ist dann wieder in der Versenkung verschwunden. Wenn man jetzt aber, mit Hilfe der FDP, die vielleicht gar nichts davon weiß, durch bestimmte Entscheidungen die Energiekosten in der Krise noch extra in die Höhe treibt, ohne dabei Normalbürger wirklich sinnvoll zu entlasten, hat man bald - schwuppdiwupp - den Plan erfüllt. Es gibt dann keine Eigenheime mehr, weil die sich kaum noch jemand leisten kann, sondern nur noch die Villen der Politiker, Prominenten, Aufsichtsräte und Großunternehmer. Ehrlich gesagt möchte ich nicht in so einer Welt leben, denn es würden Kriminalität und Korruption extrem ansteigen, weil man nicht mehr nur ein Stück vom Kuchen, sondern ein extra fettes Stück vom Kuchen braucht, um überhaupt ein Recht auf die Verwirklichung eigener Lebensträume und -entwürfe zu haben. Zum anderen würde es bald Ärger geben, denn Menschen lassen sich ungern in ihren Lebensmöglichkeiten und in der Verwirklichung dieser durch Zwang beschränken, siehe DDR. Eine gute Klima-, Umwelt- und Energiepolitik kann nur mit den Menschen gelingen und nicht gegen sie. Die wahre Gefahr liegt nicht in dem Großteil der Menschen, die mit einem wohlhabenden mittelständigen Leben schon völlig zufrieden sind, denn dann ist für alle genug da, sondern in dem kleinen Teil, die in ihrer krankhaften Gier nie genug bekommen können und deshalb alle Ressourcen kontrollieren wollen und sogar Kriege um diese Ressourcen führen. 

Ich bin ja dafür, daß wir in den Kindergarten im Bundestag mal die Mary Poppins vorbeischicken. Wenn man sich den verlinkten Videoausschnitt genau anschaut, dann sieht man, daß der kleine Junge eine gelbe Krawatte trägt, das kleine Mädchen eine rote Schleife, und das Kind mit dem grünen Schal hat sich vor Scham wahrscheinlich gerade unter dem Bett versteckt. 

Eigentlich vermeide ich es zur Zeit, im Fernsehen politische Diskussionen zu verfolgen, da man auch mal Pause von diesem nervenzerrenden Irrsinn braucht - das dicke Ende wird man schon nicht verpassen, aber gestern bin ich doch bei SternTV hängen geblieben. Und die Ausrede des FDP-Politikers bezüglich der Übergewinnsteuer war ja ebenfalls süß hilflos. Er schwafelte gebetsmühlenartig etwas von guten und schlechten Gewinnen, die man nicht unterscheiden könne, und ich denke mir so - wenn interessiert es, ob die Gewinne gut oder schlecht sind?  Darum geht es doch überhaupt nicht, sondern um Solidarität. Das Wort wurde ja nun in den letzten Jahren so sehr strapaziert, daß es jedem bekannt sein dürfte. Aber wenn Solidarität mal von oben nach unten stattfinden soll, und nicht wie sonst von unten nach oben, leidet man plötzlich unter galoppierender Amnesie und kann sich an so etwas wie Solidarität nicht mehr erinnern. Man kann ganz schnell einen Durchschnitt der Gewinne vor der Krise errechnen und als Grenze festlegen.

Der Bürgermeister, der eine bundesweite DNA-Datenbank für Hunde fordert, war aber auch nicht von schlechten Eltern. Ich war ziemlich überrascht, daß bei der Umfrage ungefähr die Hälfte der Zuschauer das gut fand. Obwohl ich weder Hundebesitzer noch Hundeliebhaber bin, denke ich zuerst daran, daß wir noch nicht einmal ein bundesweites Impfregister haben und ich frage mich, wer eigentlich diese tausende Labors, die tonnenweise aus Hundekacke DNA extrahieren sollen (und sowas ist nicht allzu billig), dann bezahlt. Ich habe so meine Zweifel, ob man mit den Bußgeldern das Geld dafür ausreichend zusammen bekommen würde. 

Übrigens lese ich gerade ein Buch, in welchem für Schwarze das Wort Neger gebraucht wird. Das Buch ist von 1923. Da ich weiß, daß das damals normal und üblich war, finde ich es zwar deshalb nicht gut, aber ich habe auch kein größeres Problem damit. Die Vergangenheit kann man schließlich nicht mehr ändern. 

Wieso denken Menschen, wenn sie alles aus der Vergangenheit vernichten und unsichtbar machen, daß sie damit die Zukunft positiv ändern können? Das Gegenteil ist der Fall. Menschen, die sich ihrer Vergangenheit entledigen wollen, weil sie Fehler begangen haben, die integrieren nicht ihren Schatten und söhnen sich nicht mit ihm aus, sondern die spalten ihn von sich ab. Auf diese Weise werden sie aber niemals frei werden und der Schatten wird sich immer wieder melden, bis er wirklich auf bewußte Weise integriert und transformiert wurde. Ich glaube, das ist gesellschaftlich nicht anders. Eine Vergangenheit gehört zu jeder Entwicklung mit dazu. Ohne eine Vergangenheit weiß man nicht, wo man heute steht. 

Ich kann auch nicht verstehen, was das Problem mit dem Wort "Indianer" ist. Schließlich bedeutet es nur "Bewohner von Indien" weil Kolumbus sich damals geirrt hat. Und wie in SternTV jemand richtig bemerkte, nennen sich sogar die Indianer selbst Indianer in ihren Organisationen. Sie haben also anscheinend kein Problem damit und das sollte ja die Hauptsache sein. Rassistisch wäre für mich dagegen "Rothaut", aber "Bleichgesicht", "Kartoffel" oder "Kraut" ebenso.

Bei "Zigeuner" ist das schon etwas anderes. Das habe ich verstanden, obwohl ich selbst "Zigeuner" positiv assoziiere und den Klang des Wortes mag. Das liegt wahrscheinlich an der Familiensage von den Zigeunerahnen, die sich durch einen Gentest als richtig herausgestellt hat. Das heißt, in mir fließt "Zigeunerblut", auch wenn äußerlich eher die Wikinger- und slawischen Einflüsse sichtbar sind. Aber meine Großmutter mütterlicherseits hatte noch das sehr spezielle dunkle Aussehen, so daß sie unter den Nazis oft für jüdisch gehalten wurde. Da es Zugehörige dieser Volksgruppen als beleidigend verstehen, weil es über Jahrhunderte abwertend und als Schimpfwort gebraucht wurde, bemühe ich mich, es nicht zu verwenden. Wenn mir jemand sagt, er möchte lieber so und so angesprochen und genannt werden, interessiert mich gar nicht warum oder weshalb, sondern dann ist es eben so. 

Die Familiensage von eingewanderten Hugenotten als Ahnen hat sich dagegen nicht bewahrheitet. Meine Theorie, die ich aber nicht beweisen kann, sieht so aus, daß wahrscheinlich die Ahnen aus dem Balkan, weil sie fremdländisch aussahen, häufiger auf ihre Herkunft angesprochen wurden und sich nicht trauten die Wahrheit zu sagen, da ja zur damaligen Zeit Menschen dieser Volksgruppen tatsächlich sehr gering angesehen und wenig beliebt waren. Stattdessen behaupteten sie oder ihre Nachfahren, Hugenotten aus Südfrankreich zu sein, denn von Hugenotten abzustammen, war eine zeit lang richtig modern und chic und fast jeder wollte von Hugenotten abstammen, so daß es gerne mal erfunden wurde. Deshalb gibt es auch so viele Familien, die irgendwann feststellen, daß an ihnen noch nicht einmal ein Hugenotte vorbeigehuscht ist, obwohl ihnen anderes erzählt wurde. 

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