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Sonntag, 20. November 2022

Dedigitalisierung

Die spannenden Zeiten sind nun auch bei mir angekommen, denn es ist die Nachricht zur Erhöhung des Strompreises ab 1.1.2023 eingetroffen. Der Arbeitspreis ist fast um das Doppelte gestiegen, aber dankenswerterweise liegt er immer noch unter den 40 ct, ab welchen dann wohl die Strompreisbremse greifen soll. Somit ist jetzt das Backen mit Gas meiner Allergiker-Brote deutlich günstiger als mit Strom. Häufig backe ich auch nur einen einzigen dünnen Fladen Brot im kleinen Mini-Ofen, aber vermutlich wird es jetzt billiger ein größeres Brot im Gasofen zu backen. Noch besser wäre es natürlich, man würde genug wirklich schmeckende Brote ohne Pestizide, Zusatzstoffe oder genveränderte und damit allergenverstärkte Getreide an jeder Ecke kaufen können, damit man als Allergiker nicht dauernd gezwungen ist, ein asoziales Mitglied der Gesellschaft zu sein. Zum Glück fand ich den Brief nach meinem Tanzkurs - da kann mich fast gar nichts ärgern. Bloß gut, daß ich noch keinen neuen Kühlschrank gekauft habe, vielleicht sollte ich mich langsam damit abfinden. Ich habe sogar lange Zeit in meinem Leben die Wäsche mit der Hand gewaschen, aber dahin möchte ich nicht wieder zurück. Wenn ich noch die Wahl habe, würde ich eher auf den Kühlschrank verzichten als auf die Waschmaschine. 

Doch diese Stromerhöhung bietet natürlich eine außerordentliche Chance zur weiteren Dedigitalisierung. Der Pandemie sei Dank habe ich in den letzten drei Jahren meine Fernseh- und Internetzeit quasi bereits halbiert. Ich gehöre ja nicht zu den Unglücklichen, die gezwungen sind, ihre Zeit mit Home-Office und Internetkonferenzen zu verbringen - die sollten im Grunde einen Energiezuschlag vom Arbeitgeber bekommen, welcher die Energiekosten während der Arbeitszeit einspart. Nachdem ich zu Beginn der Pandemie feststellen mußte, was man in den meisten öffentlich-rechtlichen Sendern und Sendungen tatsächlich unter Journalismus versteht, nämlich Regierungspropaganda, habe ich alle entsprechenden Sendungen rausgeschmissen, und alleine dadurch schon die Fernsehzeit enorm reduziert. Im Internet wiederum konnte ich wahnsinnig viele Zeitungsfeeds löschen, da die Printmedien ebenfalls offensichtlich nicht verstanden haben, was ihr journalistischer Auftrag ist. Die einzige Zeitung, der ich treu geblieben bin, ist die "Berliner Zeitung", die scheinbar als fast einzige noch echten Journalismus betreibt, nämlich relativ objektiv und ohne massive Meinungsmacherei in irgendeine Richtung. Der Rest der Internets wurde ebenfalls immer unerträglicher, als einem so plötzlich die Augen geöffnet wurden, wieviele militante Täter teilweise darin unterwegs sind, Politiker eingeschlossen. Sowas ersparte man sich lieber zunehmend. Eigentlich mag ich diese Phrase "die Spreu vom Weizen trennen" überhaupt nicht, aber in den letzten drei Jahren hat automatisch so etwas stattgefunden, ob man nun wollte oder nicht. Und es hat durchaus Vorteile. Es hat so viele Vorteile, daß ich ziemlich große Ambitionen in Richtung weiterer Dedigitalisierung habe. 

Aus diesem Grund besorgte ich mir ein Arbeitsheft über digitales Detox und arbeitete dieses durch, um herauszufinden, wo sich noch Änderungspotential in meinen Mediengewohnheiten versteckt und mir neue Ziele zu setzen. Und diese Stromerhöhung kommt da genau richtig als zusätzlicher Motivationsschub. In den sozialen Netzwerken ist sowieso kaum noch etwas los außer in einzelnen Bubbles. Man hat den Eindruck, dort sind nur noch die Leute sehr aktiv unterwegs, die sich keine anderen Lebensentwürfe vorstellen können und deshalb unendlich sozial wiederkäuen. Vielleicht ist Dedigitalisierung sogar ein neuer Trend und deshalb sind die sozialen Netzwerke so lahm geworden? Zudem hört man jetzt regelmäßig von den Börsenabstürzen der Meta-Aktien. Es ist mir ein inneres Fest. Zum einen natürlich wegen der Willkür, der man als User dort ausgesetzt ist, wenn die Blogadresse ohne Angabe von Gründen und Supportantworten blockiert wird oder man für einen ohne Not gesperrten Insta-Account Häftlingsfotos mit Namen anfertigen soll. Aber auch deshalb, weil Zuckerberg in internen Videos selbst warnte, daß man nicht wisse, ob die Impfungen sicher sind, aber in den SN solche Aussagen zensiert wurden. Es ist beruhigend, daß zumindest das Karma-Grundgesetz noch funktioniert - manchmal früher, manchmal später. 

In den Reden auf dem G20-Treffen dagegen hört man nur Werbung für den sogenannten "Stakeholder-Kapitalismus".  Die Unternehmen müssen Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen und mit den Regierungen kooperieren. Klingt ja erstmal nett. Aber wenn man sich mal bewußt macht, wie weit Wirtschaft und Staat schon miteinander verflochten sind und wohin das bisher geführt hat, fragt man sich, ob gerade die machtbesessenen Großkonzerne überhaupt noch in der Lage sind, echte Verantwortung für andere zu übernehmen, d.h. auch dann, wenn diese sich NICHT ihren Interessen unterordnen müssen. Im Gegensatz dazu sind bei kleinen und mittelständigen Unternehmen durchaus ab und an noch echte gemeinnützige Ideale anzutreffen. Und dies gehört zu einer liberalen Gesellschaft dazu, daß man sich nicht den Interessen der Konzerne unterwerfen muß und nicht von diesen zensiert oder abhängig gemacht wird. Sobald die geldpotentesten Kreise mit den Regierungen eine Sache machen, kann man im Prinzip weltweit durchsetzen was man möchte, wenn man es nur mit genug Manipulationstechniken schmackhaft macht und hehre Ziele als Motiv nennt. Gerade Großunternehmen sind in solchen "Überzeugungsstrategien" durch jahrelange Erfahrungen mit gekaufter Wissenschaft und psychologischen Werbestudien die ungekrönten Meister. Das, was früher die Religion für den Staat war, ist heute die Wirtschaft. Und aus gutem Grund kam man irgendwann zu der Erkenntnis, daß man die Kirche vom Staat trennen müsse, da durch religiöse Ideologien zu viel Schaden entstanden ist und der Staat die neuen Werte der Aufklärung wie Glaubensfreiheit, Gleichheit, Meinungsfreiheit, Rechtstaatlichkeit schützen müsse. 

Doch diese Werte sind offensichtlich erneut in Gefahr. Und ich frage mich, wieviele Jahrzehnte oder Jahrhunderte es wohl diesmal dauert, bis man merkt, daß man auch die Wirtschaft vom Staat trennen muß, um die Menschenrechte zu schützen und keine neuen ideologischen Phantastereien einiger weniger "Geld-Päpste" zu manifestieren. Statt diesen Leuten immer mehr Geld in den Rachen zu schmeißen, durch unseriöse Absprachen oder eigens herbeigeführte Krisen, sollte man lieber zusehen, daß jene sich mit ihrem Vermögen ausreichend an einem unabhängigen Staat und dessen finanzierter, von Wirtschaftsinteressen freien, Wissenschaft beteiligen. Auch derart können Großunternehmen ihrer großen Verantwortung gerecht werden, sogar viel besser. Zudem fallen so keine Lösungsansätze unter den Tisch, die der Industrie vielleicht nicht so genehm sind. Bei diesen großspurigen Erklärungen über die ach so uneigennützige Kooperation der Unternehmen mit den Regierungen ist es schon fast peinlich, wenn manche Abgeordnete zwar öffentlich eine Vermögenssteuer fordern, aber bei entsprechenden Abstimmungen diese dann ablehnen. Halten die ihre Wähler für bescheuert? Sich von der Wirtschaft alle Lösungen für die Probleme der Menschheit zu erhoffen und ihr blindlings zu folgen, bedeutet, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. 

Praktischerweise bin ich inzwischen so vielbeschäftigt, daß ich kaum noch Zeit fürs Fernsehen oder Internet habe. Sowohl das Tanzen als auch das Zeichnen oder Lesen sind, dem Himmel sei Dank, Tätigkeiten, die man wunderbar analog ausführen kann. Zudem habe ich festgestellt, daß ich, wenn ich abends in Skizzenbüchern herumkritzel, vom Fernsehen kaum etwas mitbekomme. Es macht sich viel besser, dabei Hörbücher oder Radiolesungen zu hören, die ich gut über Handy oder Tablet abspielen kann. Handy oder Tablet lassen sich einwandfrei am Kurbel-Solar-Radio oder an einer Solar-Powerbank aufladen - wieder Strom gespart. Und es gibt ja auch noch positive Nachrichten: Man bekommt wieder Zinsen! Sogar automatisch! Könnte es sein, daß zu viele Leute ihre Bargeldbestände von den Konten geräumt haben?

Außerdem schneit es erstmals seit einigen Jahrzehnten, jedenfalls länger her als ich mich zurück entsinnen kann, im November in Berlin! Genau mein Humor! Ich bin gleich panisch auf den Balkon, um meine Pflanzen einzupacken, da ich dies durch die vorherigen relativ warmen Temperaturen vernachlässigt hatte. Es dauerte entsprechend lange, weil ich dauernd zurück ins Zimmer an die Heizung mußte, um meine Hände wieder aufzutauen. Schließlich verschwand ich mit einem letzten, aufmunternden "Haltet durch!" ins Warme hinein und überließ die Pflanzen ihrem Elend. 

Erster Schnee

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